Schachfigur
Standpunkt

"Tür zu" wegen Corona ist eine zweischneidige Devise

Die steigenden Corona-Infektionszahlen rufen wieder dazu auf, wegen der Gesundheit zu Hause zu bleiben. Doch das Einigeln hat seine Schattenseiten, beobachtet Claudia Nothelle – und denkt dabei an jene, für die "Tür zu" schiere Angst bedeutet.

Von Claudia Nothelle |  Bonn - 20.10.2020

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Die zweite Welle ist da, pünktlich zum Herbst. Die Zahlen steigen. Und #stayhome ist mindestens so aktuell wie im April. Möglichst wenig Kontakte, keine unnötigen Reisen, Zurückhalten, Tür zu und einigeln. My home is my castle – die eigenen vier Wände sollen Schutz bieten vor Corona.

Die meisten nicken routiniert, vielleicht auch etwas genervter als im April. Aber irgendwie werden wir das schon schaffen. Bloß nicht anstecken … Nur – was ist mit denen, die kein Dach über dem Kopf haben? Die nicht die Tür hinter sich zumachen können? Oder mit denen, die sich alles andere als sicher fühlen in den eigenen vier Wänden?

Die Sozialverbände rechnen damit, dass die Zahl der Obdachlosen in den kommenden Wochen steigt. Seit April schon geht es immer wieder um die Frage, wie es den Familien geht – gerade bei beengten Wohnverhältnissen. Wie ist es mit Gewalt? Mit psychischer Not? Das alles ist im Herbst und Winter deutlich schwieriger als im Frühling und Sommer.

Tür zu: das mag für die einen verlockend sein. Gemütlich, wenn es draußen dunkel ist und stürmt. Für andere ist "Tür zu" ein notwendiges Übel – überwintern und auf den Sommer warten. Für manche aber bedeutet "Tür zu" schiere Angst. Was passiert als Nächstes? Wer hört dann überhaupt noch ihre Schreie? Für andere schließlich scheint "Tür zu" unerreichbar: Da müsste sich erst einmal eine Tür geöffnet haben, die sie dann zumachen könnten.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Mit seinem melancholischen Herbsttag hat Rainer Maria Rilke sicher keine Pandemie-Lebensbedingungen gemeint. Aber es passt zur Situation. Aber wenn die steigenden Infektionszahlen dafür sorgen, dass die Gedanken nur noch um die eigenen Nöte und die eigenen vier Wände kreisen, dann wird die Situation für manche Menschen schwer erträglich. Wenn #stayhome gleichzeitig Rückzug heißt, dann bekommt unsere Gesellschaft ein Problem.

Zu Beginn der Pandemie haben wir die Solidarität beschworen. Jetzt im Herbst und Winter ist sie (wieder) gefragt. Irgendwie muss es doch möglich sein, die Tür zwar zuzumachen – und gleichzeitig die Türen offen zu halten.

Von Claudia Nothelle

Die Autorin

Claudia Nothelle lehrt Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, ist Aufsichtsratsvorsitzende der katholischen Journalistenschule ifp und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.