Schachfigur
Standpunkt

Wir Katholiken haben offenbar jeden Respekt verspielt

Ein Meme mit Papst Franziskus macht im Internet die Runde: Dem Pontifex wird anstatt der konsekrierten Hostie alles Mögliche in die Hände montiert. Das zeige den gewandelten Stellenwert der Kirche und ihrer religiösen Inhalte, folgert Theresia Kamp.

Von Theresia Kamp |  Bonn - 21.10.2020

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Romano Guardini würde sich im Grab umdrehen. Auf Twitter erfreut sich gerade ein Meme großer Beliebtheit, in dem Papst Franziskus alle möglichen Gegenstände in die erhobenen Arme gelegt werden. Statt der Hostie, die während der Wandlung in den Leib Christi nach oben gehalten wird, hält der Papst auf diesen Bildern etwa das neue iPhone – mit innig geschlossenen Augen natürlich.

Es scheint genau das wahr geworden zu sein, was der Theologe und Münchner Universitätsprediger Guardini vorhergesagt hat, als in den 50er-Jahren noch leidenschaftlich über die mediale Darstellbarkeit der Messe gestritten wurde. Seine Zeit sah er von Reizüberflutung geprägt. "Stellt man die heiligen Dinge da hinein, dann werden sie verbraucht, wie alle anderen Sensationen auch", so Guardini. Er sieht die Aufgabe der Kirche darin, nicht mitzumachen, sondern die Sensationsspirale zu durchbrechen.

Tatsächlich geht es bei dem Bild um Sensation. Wer legt dem Papst den lustigsten Gegenstand in die Arme? Simba aus "König der Löwen"! Yoda aus "Star Wars"! Nein, den Ring aus "Herr der Ringe"! Die Folge: Das ursprünglich religiöse Bild nutzt sich ab. Mit einem geheimnisvollen Geschehen hat es nichts mehr zu tun.

Den Gottesdienst deswegen nicht mehr in den Medien zu übertragen, ist gerade in Corona-Zeiten keine Option – ganz abgesehen davon, dass Medien so selbstverständlich Teil unseres Lebens sind, dass immer auch religiöse Dinge darin vorkommen werden. Aber das Phänomen lässt drei Rückschlüsse zu:

Erstens: Wir Katholiken haben definitiv jeden Respekt verspielt. Aufgrund der zahlreichen Skandale gibt es keine Achtung mehr vor unseren religiösen Inhalten.

Zweitens: Die Medien bleiben ambivalent, wie es schon Guardini und andere Gelehrte seiner Zeit wahrgenommen haben. Es ist ein Wagnis, andächtige Bilder in den Strom der vielen grellen Bilder einzuspeisen. Auch sie nutzen sich ab. Dass sie dennoch ansprechen oder sogar hervorstechen, ist eine große Kunst. Vielleicht müssen sie dafür eher reduziert statt sensationell inszeniert werden. Ich denke etwa an den einsamen Papst mit der Monstranz auf dem Petersplatz in der Zeit des ersten Lockdowns.

Und drittens: Trotz des verlorenen Respekts muss es möglich sein, dass Gläubige zum Ausdruck bringen, wenn sie eine Darstellung verletzt. Gerade die Diskussion darüber, was in Bezug auf religiöse Inhalte möglich ist und was nicht, beugt verhärteten Fronten und Radikalisierungen vor.

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp ist Theologin und Romanistin. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene katholische Medien.

Hinweis

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