Schatten eines Kruzifixes an einer Wand
Laut Zwischenbericht bislang acht frühere Fachkräfte beschuldigt

Gewalt an Trierer Internat Albertinum: Betroffene sollen sich melden

Im früheren Internat Albertinum des Bistums Trier waren Schüler über Jahrzehnte den verschiedensten Formen von Gewalt ausgesetzt. Ein unabhäniges Gremium untersucht seit einem Jahr die Vorfälle und bittet jetzt weitere Betroffene um Unterstützung.

Bonn/Trier - 30.10.2020

Eine der beiden Leiterinnen des Projekts zur Aufarbeitung von Gewalttaten am ehemaligen Internat Albertinum des Bistums Trier in Gerolstein hat frühere Schüler um Unterstützung bei der Aufarbeitung der Vorfälle gebeten. Mit der ausschnitthaften Darstellung der bisherigen Ergebnisse wolle man "noch weitere ehemalige Schüler ermutigen, sich ebenfalls bei uns zu melden und mit uns zu sprechen", sagte Claudia Bundschuh katholisch.de am Freitag in Bonn.

In dem ehemaligen bischöflichen Internat war es während der gesamten Zeit seines Bestehens bis 1983 zu verschiedensten Formen von Gewalt an Schülern durch die Mitarbeiter der Einrichtung gekommen. Dies geht aus einem Zwischenbericht des vor einem Jahr beauftragten Aufarbeitungsgremium hervor, der vergangene Woche in Trier veröffentlich wurde. Demnach wurden bislang acht männliche Fachkräfte beschuldigt, Gewalt ausgeübt zu haben. Unter ihnen auch die drei inzwischen verstorbenen Priester, die nacheinander das Internat geleitet haben. Wie die Auswertung von über 30 Interviews und schriftlichen Erfahrungsberichten von Betroffenen zeigte, kam es in der Einrichtung zur Ausübung von Gewalt in allen Erscheinungsformen von physischer, psychischer bis zu sexualisierter Gewalt. Dazu gehörten etwa Ohrfeigen und Stockschläge auf die Finger, Bestrafung durch Einsperren und verbale Abwertungen, bis hin zu übergriffigen Berührungen und sexuellen Handlungen.

Sicht der Betroffenen steht im Fokus

Das 2019 in Auftrag gegebene Projekt verfolge bei der Aufarbeitung einen "partizipativen Ansatz", so Leiterin Bundschuh. Demnach sei es den Verantwortlichen "sehr wichtig, dass die Betroffenen als Experten ihrer Lebenssituation selbst zu Wort kommen, denn nur dann ist es wirklich ein Projekt mit und für Betroffene". Die Gespräche fänden an einem geschützten Ort statt, "der den Betroffenen angenehm ist", und dienten sowohl der Aufdeckung als auch der persönlichen Verarbeitung der Gewalterfahrungen. Ehemalige Schüler, die von Gewalt betroffen waren oder Zeugen von Gewalt wurden, können sich über die auf der Homepage des Projekts hinterlegten Kontaktdaten noch bis Ende Mai 2021 melden. Ein Abschlussbericht zu den Aufarbeitungen soll im Herbst kommenden Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt und an den Auftraggeber, den Trierer Bischof Stephan Ackermann, übergeben werden. "Konsequenzen daraus zu ziehen, ist dann seine Aufgabe bzw. die des Bistums", sagte Bundschuh.

Zwar habe das Bistum bereits seit dem Jahr 2010 "Einzelmeldungen über Vorwürfe physischer und sexualisierter Gewalt" erhalten, der "systemische Aspekt sei allerdings erst vor gut einem Jahr deutlich geworden", begründete Ackermann den offiziellen Beginn der Aufarbeitungen im September 2019. Die Untersuchung zu den Gewalttaten am Albertinum in Gerolstein ist das erste unabhängige und einrichtungsbezogene Aufarbeitungsprojekt des Bistums Trier. Die Projektleitung wird durch einen Lenkungsausschuss zur Vertretung der Betroffeneninteressen unterstützt. Das bischöfliche Jungeninternat existierte von 1946 bis 1983 und war Unterkunft für Schüler des benachbarten staatlichen Gymnasiums. Ackermann ist der offizielle Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Missbrauchsfragen. (mfi)