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Standpunkt

Gott achtet die Würde jedes Menschen – auch die der Loser

In der Gesellschaft werden Verlierer oft als "Opfer" betitelt, kommentiert Michael Böhnke. An Allerseelen gedenke die Kirche der Opfer der Geschichte und mache deutlich, dass Gott sich für alle einsetze – auch für die Verlierer.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 02.11.2020

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Das Wort "Opfer" hat als Schimpfwort Eingang in unsere Sprache gefunden: Mit "Du Opfer!" wird ein Loser bezeichnet und zugleich abwertend und abschätzig beurteilt.

Fast 10.000 Todesopfer hat Covid-19 bereits in Deutschland gefordert. Sind all diese Menschen einfach nur Loser?

Täglich opfern sich in Alten- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern ungezählte Pflegerinnen und Pfleger für die schwer Erkrankten und Pflegebedürftigen auf. Sie verdienen zu wenig. Sind auch sie einfach nur Loser?

Die Verhöhnung der Opfer – was steckt dahinter? Die Einteilung der Menschheit in Gewinner und Verlierer. Die retuschierten Ideale von Werbung, Photoshop und Instagram. Der Beauty- und Fitnesskult, Lifestyle, Markenbewusstsein und Modetrends. Leben auf dem Weg zum höheren Level, zu mehr Aufmerksamkeit, mehr Likes, mehr Follower. Wer da nicht mitmacht, ist ein Loser!

Trump hat Corona besiegt (und zugleich symbolisch China). Imperialistischer Sozialdarwinismus par Exzellenz. Seine Botschaft: Amerika, du bist kein Opfer fremder Mächte. Amerika first. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Amerikaner und Amerikanerinnen diesem sozialdarwinistischen Heilsbringer folgen. Sie haben die Wahl.

Heute feiert die Kirche Allerseelen. Sie gedenkt der Opfer der Geschichte. Der Toten. Sie bezeichnet sie nicht als Loser. Sie verkündet, dass Gott sich für sie einsetzt, sie verkündet Achtung vor und Hoffnung für die Opfer: Römer 8,11 betont ihre Würde: "Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt."

Das ist eine gute, eine tröstende Nachricht! Die Hoffnung, dass der Tod nicht mit der Verhöhnung der Opfer das letzte Wort hat, dass Gott sich mit all jenen solidarisiert, die sich für andere in Pflegeeinrichtungen und am Krankenbett opfern. Der jüdisch-christliche Gott ist ein Gott des Lebens, der denen seine Treue verspricht, die sich für das Leben auch unter schwierigsten Bedingungen einsetzen. Er ermutigt solidarisch dazu, sich für das Leben der anderen einzusetzen, selbst wenn die Gesellschaft die Opfer und die, die sich opfern, als Loser verhöhnt. Gott achtet die Würde der Verstorbenen. Er achtet die Würde derer, die sich täglich aufopfern. Er achtet die Würde selbst der Loser.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.