Jesuit Ansgar Wucherpfennig
Jesuit beklagt männlich-väterliche Dominanzmuster

Wucherpfennig: Patriarchale Strukturen in der Kirche aufbrechen

"In der katholischen Kirche hat sexualisierte Gewalt einen theologisch spirituellen Wurzelgrund in männlich-väterlichen Dominanzmustern. Betroffene haben Autorität oft als nach oben verlängert und von oben gedeckt erfahren", so Ansgar Wucherpfennig.

Berlin - 02.11.2020

Der Jesuit Ansgar Wucherpfennig ruft mit Blick auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche dazu auf, bestehende patriarchale Strukturen in der Kirche aufzubrechen und deren biblische Begründung kritisch zu hinterfragen. "In der katholischen Kirche hat sexualisierte Gewalt einen theologisch spirituellen Wurzelgrund in männlich-väterlichen Dominanzmustern. Betroffene haben Autorität oft als nach oben verlängert und von oben gedeckt erfahren", schreibt Wucherpfenning in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" (November-Ausgabe).

Außerhalb von Gewalterfahrungen werde die patriarchale kirchliche Hierarchie oft nicht als Tyrannei erlebt, sondern – zumindest gelegentlich – als wohltuende Konzentration der Verantwortung. "Häufiger erscheint sie allerdings als intransparent, weil sie Abhängigkeiten von väterlicher Güte schafft. Demokratische Elemente oder auch aristokratische Elemente einer kollegialen Herrschaft der Besten werden aus theologischen Gründen weitgehend abgelehnt", schreibt Wucherpfennig, der bis Ende September Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt war.

"Patriarchatskritisches Verstehen der biblischen Schriften notwendig"

Wenn der Glaube in der Missbrauchskrise für Menschen auch heute die Botschaft beinhalten solle, dass der Gott des Lebens die Mächte des Todes besiegt habe, dann sei dafür ein konsequentes patriarchatskritisches Verstehen der biblischen Schriften wie der theologischen Tradition als Glaubensquellen notwendig. "Es verlangt ebenso, dass sich Kirche nicht länger als der nach unten verlängerte Arm der Autorität Gottes versteht. Amtsträger sind nicht Väter und nicht exklusiv Stellvertreter Gottes; alle Menschen sind dies, weil sie Gottes Ebenbild sind", so Wucherpfennig weiter. Ein neues Verstehen dieser Quellen könne zeigen, dass Gott anders sei als menschliche Mütter und Väter. Gott führe nicht in Abhängigkeit, sondern lasse Menschen auf Adlersflügeln fliegen.

Wucherpfennig analysiert in seinem Text, wie die biblischen Schriften seiner Ansicht nach Teil haben an patriarchalen Strukturen. "Das erste Christentum übernimmt die patriarchalen Strukturen aus dem Judentum, in dem es wurzelt. Durchgängig hat die Vater-Sohn-Beziehung zentrale Bedeutung. Paulus lässt keine Einsicht in die untergeordnete oder gar unterdrückte soziale Stellung von Frauen erkennen, er legitimiert sie sogar", schreibt der Jesuit beispielhaft. Die patriarchale Ordnung zeige sich zudem auch im Bereich der Sexualität: Im Römerbrief nenne Paulus das sexuelle Zusammenkommen von einem Mann mit einer Frau einen "natürlichen Gebrauch". "Natürlich ist also, dass Männer Frauen sexuell gebrauchen. Frauen und Männer, die sich diesem natürlichen Gebrauchen und Gebrauchtwerden widersetzen, sind dem Zorn Gottes ausgeliefert", so Wucherpfennig. Es gebe jedoch im Neuen Testament auch Ansätze, die patriarchalen Strukturen zu überwinden. (stz)