Schachfigur
Standpunkt

Der heilige Martin ist systemrelevant

Der 11.11. ist ein besonderer Tag für Karnevalisten und Verehrer des heiligen Martin. Aber was kann uns ein Bischof aus dem 4. Jahrhundert heute überhaupt noch sagen? In diesen dunklen Zeiten mehr als wir glauben, kommentiert Albrecht von Croy.

Von Albrecht von Croy |  Bonn - 11.11.2020

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"Systemrelevant"! Der Begriff, der gute Chancen hat, zum Wort des Jahres zu werden, scheidet in diesen Tagen Wichtiges von Unwichtigem, Menschen in ihrer Bedeutung für die Allgemeinheit und Tun und Lassen in Zeiten eines abermaligen Lock-Downs. Ist der 11.11. systemrelevant? Ja, wenn es nach den Karnevalisten geht, denen der Virus ihren traditionellen Sessions-Auftakt verhagelt. Aber heute ist auch der Gedenktag des heiligen Martin, der üblicherweise mit gleichnamigen Umzügen in den abendlichen Innenstädten begangen wird. Ist St. Martin "systemrelevant"?

Ein römischer Soldat, der es in grauer Vorzeit (im Jahr 372) bis zum Bischof von Tours gebracht hat? Der seine Berühmtheit bis zum heutigen Tag ausschließlich einer schönen Legende verdankt, nach der er am Stadttor von Amiens für einen armen, unbekleideten Mann seinen Mantel geteilt habe und der deswegen bis heute mit – zum eigentlichen Ereignis wenig passenden – Laternenumzügen gewürdigt wird.

Der heilige Martin ist uns zur netten Märchenfigur geraten, der Laternen und Kinderaugen zum Leuchten bringt, willkommener Anlass ist zum Sammeln von Süßigkeiten und zu dessen Gedenken wir gern die gleichnamige Gans dem Bratofen überantworten. Das war's? Nein, das war's eben nicht: der heilige Martin ist ein Fanal für ein Leben aus dem Evangelium: "Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,35–40).

Der 11.11. ist "systemrelevant", weil wir in diesen dunklen Zeiten den Bischof von Tours vom Kitsch befreien sollten: Er hat geteilt, wo wir heute mehr denn je teilen sollten, er hat hingeschaut, wo wir mehr denn je hinschauen sollten, er hat uns aufgegeben, was mehr denn je unsere Aufgabe ist: die besondere Nähe zu Menschen in (Corona-)Not ist "systemrelevant". Seien wir mehr Kirche denn je: helfen wir jetzt (auch und gerade im Blick auf Advent und Weihnachten) älteren, kranken, obdachlosen oder geflüchteten Menschen mit der besonderen Liebe Christi! Und nächstes Jahr dann gerne wieder Laternen!

Von Albrecht von Croy

Der Autor

Albrecht von Croy ist Mitherausgeber von "theo – das katholische Magazin".

Hinweis

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