Ulrich Matthes: Ich habe ein Problem mit der Kirche als Institution
Schauspieler mimt Bischof in Schirach-Film "Gott" zum Thema Sterbehilfe

Ulrich Matthes: Ich habe ein Problem mit der Kirche als Institution

In einem Drama über Suizid, verfilmt nach einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach, spielt Schauspieler Ulrich Matthes einen Bischof. Er selbst sei nicht gläubig, tue sich mit der Bewertung der Thematik aber schwer, wie er im Interview erklärt.

Von Katharina Dockhorn (KNA) |  Berlin - 19.11.2020

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat Anfang des Jahres ein weit reichendes Recht auf assistierten Suizid formuliert. Es geht um nicht weniger als die Grenzen der Selbstbestimmung. Bestsellerautor Ferdinand von Schirach hat dazu ein Theaterstück auf die Bühne gebracht. Das Erste hat es verfilmt und strahlt das Drama am 23. November (20.15 Uhr) aus. Ulrich Matthes spielt darin einen Bischof, der sich gegen den Suizid ausspricht. Im Interview spricht er über seine eigene Haltung zu dem Thema.

Frage: Herr Matthes, sind Sie froh, dass das Thema Sterben wieder mehr Aufmerksamkeit erhält?

Matthes: Durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und das Stück beziehungsweise den Film wird das Thema Sterben in der Gesellschaft virulenter. Ich hoffe, dass viele Menschen angeregt werden, sich eine Meinung zu bilden.

Frage: Wie bewerten Sie das Urteil?

Matthes: Als das Bundesverfassungsgericht im Februar das Recht stärkte, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, begrüßte ich das Urteil spontan. Aber dann gehen die Fragen schon los. Das Urteil räumt nicht nur Schwerkranken das Recht assistierten Suizid durch einen Arzt ein. Es könnte Menschen einschließen, die sich in einer komplizierten persönlichen Situation befinden: die Liebeskummer haben, vor der Pleite stehen oder schwer depressiv sind.

Natürlich wäre es gut, wenn man diese Menschen überhaupt vom Suizid abhalten könnte. Ich habe Zweifel, in welchem konkreten Fall Ärzte Hilfe zum Suizid leisten sollten. Ich bin sonst eher meinungsfreudig und kann klar ja oder nein sagen. Bei diesem Thema finde ich das schwer.

Frage: Zeigen die Erfahrungen in der Schweiz und Belgien, dass die Sterbehilfe für Schwerkranke funktioniert?

Matthes: "Funktioniert" ist ein eigenartiges Wort in diesem Zusammenhang. Ich bin dafür, dass sie in solchen Fällen in Anspruch genommen werden kann. In unserem Film geht es aber um einen 78-Jährigen, der nicht schwer erkrankt ist, sondern lebensmüde. Es sollte für ihn einen Weg geben, in Würde freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aber es ist eine komplizierte Frage, die wohl nur im Einzelfall entschieden werden kann.

Nahaufnahme von Beinen einer Frau, die auf ein Brückenegländer klettern.

Er selbst tut sich schwer, beim Thema selbstbestimmtes Sterben ein Urteil zu fällen, sagt Schauspieler Ulrich Matthes.

Frage: Letztlich kann auch keine Religion oder kein Gesetz Menschen verbieten, sich umzubringen...

Matthes: Natürlich nicht. Der gewalttätige Suizid ist furchtbar. Wir sind hoffentlich empathisch genug, um uns in die verzweifelte Situation von Menschen hineinzuversetzen, die sich gewaltsam das Leben nehmen. Insofern will ich die Möglichkeit nicht grundsätzlich verneinen, ihnen den legalen Zugang zu einem Mittel zu geben, um sanft in den Tod hinüberzugleiten. Voraussetzung könnte vielleicht sein, dass Beratungsangebote oder eine Behandlung sie nicht vom Suizidgedanken abbringen konnten. Dies gesetzlich zu regeln, ist aber sehr schwierig. Ich möchte nicht in der Haut der Abgeordneten stecken.

Frage: Aber hebelt nicht jede Regelung die Rolle Gottes als Schöpfer aus, der das Leben auch beendet?

Matthes: So argumentiert der Bischof, den ich spiele, und davor habe ich Respekt. Auch wenn ich es nicht teile. Ich selber bin nicht gläubig.

Ich habe großen Respekt vor gläubigen Menschen, egal wie sie ihren Glauben leben. Aber ich habe ein Problem mit der katholischen Kirche als Institution. In vielen Fragen ist sie von der Realität des Menschen weit entfernt.

Zitat: Ulrich Matthes

Frage: Im alten Rom war der Suizid normal, in der Bibel fehlt das ausdrückliche Verbot; erst später floss es in die katholische Lehre ein, wahrscheinlich als Konsequenz von Selbsttötungen...

Matthes: Auch Katholiken wissen oft keinen anderen Ausweg. Ich habe großen Respekt vor gläubigen Menschen, egal wie sie ihren Glauben leben. Aber ich habe ein Problem mit der katholischen Kirche als Institution. In vielen Fragen ist sie von der Realität des Menschen weit entfernt – ich nenne nur Themen wie Verhütung, Abtreibung, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Kirche, die Haltung zur Homosexualität.

Frage: Muss die Kirche nicht ihren Glauben verteidigen?

Matthes: Das ist ihr unbenommen. Ich sage nur dagegen, dass ich ihre strengen, dogmatischen Haltungen für kritikwürdig halte.

Frage: Depressionen haben in den vergangenen Jahren ebenso zugenommen wie die Vereinsamung. Fehlt heute das soziale Netz, um Menschen Alternativen zu Suizidgedanken aufzuzeigen?

Matthes: Ich bin mir nicht sicher, ob das so pauschal stimmt. Der Glaube kann für viele Menschen in verzweifelten Situationen trostreich sein und Lebensmut spenden. Ich habe ihn nur nicht. Ich finde meinen Trost, dessen jeder Mensch bedürftig ist, in meinem sozialen Umfeld. Bei anderen Menschen mag es löchrig sein. Deshalb kann die eine 30-Jährige mit Liebeskummer Trost in der Religion oder bei Familie und Freunden finden, der anderen fehlt dieser Beistand.

Wollen wir es ihr leicht machen, sich mit ärztlicher Hilfe umzubringen? Ich habe da meine Zweifel. Das wäre aber die Gefahr, wenn das Urteil des Bundesverfassungsgerichts eins zu eins in Gesetzesform gegossen würde. Es sollte vom Bundestag modifiziert werden.

Frage: Ist das Thema insgesamt dann nicht zu komplex, um es bei der anschließenden Publikumsabstimmung mit "Ja" oder "Nein" zu beantworten?

Matthes: Eigentlich schon. Das Thema ist existenziell und betrifft jeden von uns – unabhängig davon, ob wir Suizidgedanken hatten, im Moment haben oder haben werden. Die Frage, wie wir sterben wollen, stellt sich für jeden. Der Stoff fordert uns auf, uns darüber ruhig auch kontrovers auszutauschen und tolerant gegenüber anderen Positionen zu sein. Diese Art von Toleranz stände uns auch in anderen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gut zu Gesicht.

Von Katharina Dockhorn (KNA)