Schachfigur
Standpunkt

Die Bischöfe könnten sich von Paul VI. inspirieren lassen

In der Struktur der Kirche sind manche Anlagen für Missbrauch enthalten, zum Beispiel unbegrenzte Amtszeiten in leitenden Positionen. Thomas Arnold wirft einen Blick nach Rom: Dort habe schon einer vorgemacht, wie solche Strukturen geändert werden.

Von Thomas Arnold |  Dresden - 24.11.2020

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Es war ein Schwarzbuch mit 11 Regeln, das der Facharzt für Psychiatrie, Dr. Günter Klug, kürzlich bei der Tagung "Gefährliche Seelenführer?" vorstellte. Um ein missbräuchliches Umfeld zu schaffen, solle man unter anderem ein geschlossenes System der Logik und eine autoritäre Struktur schaffen, die Einzigartigkeit der Gruppe betonen sowie einen Insiderjargon erzeugen. Besonders erfolgreich sei man mit Worten wie Einheit, Treue, Vergeben, Hingabe und Dienen. Alles Besprochene als vertraulich markieren, könne zudem entlastend wirken, um eigentlich der Manipulation zu dienen.

Einiges passt auf die Erfahrungen, die manche mit der Kirche verbinden. Aber nein, Religion hat nicht per se das Anliegen, Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken oder ihre Gläubigkeit zu missbrauchen. Stattdessen hat sie das Potential, innere Freiheit zu schenken. Aber die mit Insignien der Macht in der Kirche ausgestatteten Menschen können das von Günter Klug formulierte Schwarzbuch als Spiegel nutzen. Immerhin provoziert die Anleitung, die eigene Betroffenheit zu hinterfragen. Für Täter und Opfer. Für Laien, Priester und Bischöfe.

Person, Wille und System gehören zusammen. Der Synodale Weg will vor allem auf das System schauen, um aus dem Schwarz- ein Weißbuch zu machen. Viele der elf Regeln lassen sich umkehren und innerkirchlich in Reformen buchstabieren. Entscheidend dürfte der Faktor Zeit sein: Person und Wille brauchen innerhalb eines auf Beziehung aufgebauten Systems Zeit, um missbräuchlich wirken zu können. Was also, wenn man genau diese begrenzt?

Vor 50 Jahren hat es Paul VI. vorgemacht: Das Motu Proprio "Ingravescentem aetatem" (Mit der wachsenden Last des Alters) war der Schlusspunkt einiger seiner Verordnungen, um kirchliche Ämter auf das Lebensalter zu begrenzen. Während einige das Ende der Kirche witterten, war es für andere die Befreiung aus lebenslänglicher Verantwortung.

Wenn es heute um die kluge Verteilung von Macht geht, darf die Dauer auch heute deswegen nicht unbeachtet bleiben. Während die Weihe beständig bleibt, kann die Dauer der Aufgabe zeitlich begrenzt werden. Dies gilt für die Aufgabe von Akademiedirektor*innen, Caritasleiter*innen, Verbandsvorsitzende ebenso wie für Generalvikare und Bischöfe. Was aber, wenn – wie vor 50 Jahren – das Signal zum Machtverzicht freiwillig und ohne Beschlüsse 'on oben' ausgeht? Was, wenn die Bischofskonferenz sich freiwillig dazu verpflichtet, nach einer gewissen Zeit das Amt dem Papst zum Rücktritt anzubieten. Es wäre eine Chance für den Februar 2021, wenn sich die Bischöfe in Dresden zur Vollversammlung treffen. "Ingravescentem potentem" könnte das neue Papier heißen. Dann versteht vielleicht niemand die Worte, aber die Taten wären geprägt von jener Ehrlichkeit, die neues Vertrauen zulassen kann. Es wären Rücktrittsangebote, die frei vom Skandal wären und allen in den Diözesen Chancen für den Neuanfang böten. Es wären aber vor allem Vorbilder für alle in der Kirche. Und es wäre die Präambel für das Weißbuch, was die Kirche in Deutschland mit dem Synodalen Weg schreiben möchte.

Von Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

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