Papst Franziskus wird vor Kameras interviewt.
Wie Franziskus die Rolle des Journalismus in Corona-Zeiten sieht

Den "wahren Glauben hochhalten"? Papstschelte für katholische Medien

In seinem Buch "Wage zu träumen!" lobt Papst Franziskus die Rolle der Medien im Lockdown, übt aber auch Kritik. Unter anderem missfallen ihm bestimmte katholische Medien, die die Kirche vor sich selbst schützen wollten.

Von Burkhard Jürgens und Barbara Just (KNA) |  München/Rom - 05.12.2020

Leitlinien für eine Welt nach der Pandemie will Papst Franziskus in seinem Buch "Wage zu träumen!" vorlegen. Dabei setzt sich das katholische Kirchenoberhaupt auch mit dem Journalismus auseinander. Schließlich waren während des Lockdowns nach seinen Worten die Berichterstattungen und Soziale Medien "unser wichtigstes Fenster zur Welt, im Guten wie im Schlechten". Von katholischen Meinungsmachern hält er nämlich nichts.

Journalisten attestiert der Papst indes eine Schlüsselrolle "beim Verstehen dessen, was passierte, und beim Ausbalancieren der verschiedenen Einschätzungen und Meinungen". Geht es nach Franziskus, so waren die besten Reporter diejenigen, die ihr Publikum "an die Ränder" brachten und mitfühlen ließen, was abseits des eigenen engen Horizonts passierte. Er nennt es "die edelste Form des Journalismus, die uns dabei hilft, unsere existenzielle Kurzsichtigkeit zu überwinden und für uns Räume der Diskussion und Debatte zu eröffnen". Das findet seine päpstliche Wertschätzung – weil es davor bewahrt, "in Gleichgültigkeit zu fallen".

Zugleich sieht Franziskus einige Medien aber auch gefangen in einer "Post-Wahrheits-Kultur". Dort zählten Fakten weniger als Wirkung, seien Narrative ein Mittel, um Macht auszuüben. Als korrupteste Sorte qualifiziert er jene, "welche ihren Lesern und Zuschauern dadurch schmeicheln, dass sie ihnen erzählen, was sie hören wollen", und mit verzerrten Tatsachendarstellungen Vorurteile und Furcht ausbeuten.

Linktipp: Persönlich wie noch nie: Franziskus' neues Buch "Wage zu träumen!"

Manches drang schon durch, nun gibt es das neue Buch von Papst Franziskus auch auf Deutsch. Darin reflektiert er seine Amtszeit, gibt Einblicke in persönliche Krisen – und entwickelt aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie Ideen für die Zukunft.

Auch auf Proteste gegen Corona-Auflagen kommt Franziskus zu sprechen. Es ist eine Haltung, die er als rücksichtslos brandmarkt – als bedeuteten die Maßnahmen gegen die Pandemie "eine Art von politischem Angriff auf die Autonomie oder persönliche Freiheit". Dennoch verbreiteten einige Medien nach Worten des Papstes neben Verharmlosungen des Virus oder Schuldzuweisungen auch die Sichtweise, notwendige Restriktionen seien "die übergriffige Forderung eines sich einmischenden Staates".

"Zwischenhändler mit eigenen Gewinninteressen"

Ohne Namen zu nennen, kritisiert Franziskus Politiker, die "mit diesen Narrativen für ihre eigenen Interessen hausieren gehen". Freilich hätten sie keinen Erfolg, gäbe es nicht Medien als Verbreiter solcher Botschaften. Aber damit, so der Papst weiter, hörten Medien auf, Vermittler zu sein und würden "zu einer Art Zwischenhändler mit eigenen Gewinninteressen. Sie verschleiern den Blick auf die Wirklichkeit".

Hart ins Gericht geht das Kirchenoberhaupt mit "sogenannten katholischen Medien". Denn auch ihnen sei dieses Phänomen nicht fremd, wenn sie behaupteten, die Kirche vor sich selbst zu schützen. Doch für den Papst ist eine Berichterstattung, welche "die Fakten zur Untermauerung der eigenen Ideologie neu ordnet", ein Journalismus, "der unser soziales Gefüge ausfransen lässt".

Eine Ausgabe der Enzyklika "Fratelli tutti".

Seine Missbilligung für Blogs, Internetseiten und sonstige Publikationen, die behaupten, den wahren Glauben hochhalten zu wollen, ist nicht ganz neu. In seiner jüngsten Enzyklika "Fratelli tutti" widmet er dem Fanatismus geschlossener Kreise einen eigenen Abschnitt und beklagt die Verletzung ethischer Grenzen, Verleumdung, üble Nachrede und fehlenden Respekt auch in katholischen Medien.

2013 gab der Pontifex Interviews noch ungerne

Franziskus selbst hat als Papst mit seiner Haltung gegenüber Journalisten einen Lernweg durchgemacht. Ein Jahr nach Amtsantritt bekannte er vor Korrespondenten, er habe inzwischen verstanden, dass der Pressetross auf Papstreisen keine Löwengrube sei. In der bisher wohl tiefsten Krise seines Pontifikats, dem Missbrauchsskandal 2018 in Chile, dankte er Medien dafür, dass sie den Opfern Glauben geschenkt und die Dinge ans Licht gebracht hatten.

Während Franziskus auf seiner ersten Auslandsreise 2013 noch erklärte, ungern Interviews zu geben, stand er seither unterschiedlichsten Medien Rede und Antwort – von der internationalen Agentur bis zur niederländischen Obdachlosenzeitung. Auch das aktuelle Buch beruht auf einer Anregung des britischen Vatikan-Korrespondenten Austen Ivereigh. Dem mexikanischen Sender Televisa schilderte Franziskus einmal, wie er sich über Zuspitzungen seiner Aussagen ärgert. Bisweilen spricht er aber überraschend unbefangen eine Stegreif-Botschaft in eine Handykamera.

Manche meinen, der Papst nutze solche Kanäle bewusst, um abseits amtlicher Verlautbarungen gelegentlich einen Stein ins Wasser zu werfen. Auch Franziskus kennt jedenfalls die medialen Fenster, von denen er spricht, "im Guten wie im Schlechten".

Von Burkhard Jürgens und Barbara Just (KNA)