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Standpunkt

Willy Brandt und Reinhard Marx – Die Wirkmacht von öffentlichen Gesten

Vor 50 Jahren vollzog Willy Brandt als damaliger Bundeskanzler den Kniefall von Warschau. Eine Geste, die Weltpolitik machte, kommentiert Thomas Seiterich. Völlig anders sei die aktuelle Geste des Münchner Kardinals Reinhard Marx.

Von Thomas Seiterich |  Bonn - 07.12.2020

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Zwei öffentliche Gesten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, gehen mir durch den Kopf:

Am 7. Dezember, heute vor genau fünfzig Jahren, vollzog der damalige Bundeskanzler Willy Brandt den Kniefall in Warschau. Völlig überraschend für die polnischen und deutschen Politiker kniete er etwa eine halbe Minute lang still vor dem Denkmal der Opfer und Widerstandskämpfer des Warschauer Ghettos. Das Bild vom knienden Kanzler führte in der damaligen Bundesrepublik zu erbitterter Kritik von rechts. Die Medien in der DDR unterschlugen das Ereignis. Doch die Geste machte Weltpolitik. Am selben Tag anerkannte die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens. Der Schriftsteller Navid Kermani wertet zu Recht: Brandts Geste gab dem durch Vernichtungskriege und Holocaust entehrten Deutschland ein Stück einer neuen Würde.

Als ich ihn viele Jahre später einmal fragte, wie er die Dauer seines Kniens bemessen hatte, antwortete Brandt, der Wert darauf legte, kein religiöser Mensch zu sein: Solange wie ein Vaterunser dauert.

Völlig anders die aktuelle Geste des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx. Auch sie erfolgt öffentlich. Doch anders als Brandts Kniefall, der Geschichte machte, ist völlig offen, ob Marx mit der Spende des Großteils seines Vermögens für Befreiungsarbeit mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt erreicht, was er erreichen möchte.

Während Marx seine 500.000 Euro auf den Tisch legt, schreitet die Aufklärungsarbeit über die das blinde Versagen von Generationen Bischöfen, Personalchefs und Generalvikaren in vielen Bistümern quälend langsam voran. Oder die Aufklärung versinkt im Streit zwischen angeheuerten Juristen. Das kostet jede Menge Vertrauen, nicht nur in Köln.

Marx zeigt mit seiner Geste und mit seinem persönlichen Einstehen, dass es in der Oberkirche Verantwortungsträger gibt, die wissen, was die Stunde geschlagen hat. "Hoffnung und Heilung" heißt sein Projekt. Hoffentlich wird es zum Erfolg für Betroffene, weltweit.

Von Thomas Seiterich

Der Autor

Thomas Seiterich ist Ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift "Publik-Forum".

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