Damit die Kleinsten den Umgang mit Verlusten lernen können

Wie man mit Kindern über Tod und Trauer sprechen kann

Aktualisiert am 09.01.2021  –  Lesedauer: 

Nürnberg/Vechta ‐ Der Tod gehört zum Leben. Das gilt auch für Kinder. Doch oft sprechen Erwachsene nicht mit ihnen über Verlust und Trauer, weil sie denken, dass Kinder das noch nicht verarbeiten können. Dabei sind diese Gespräche sehr wichtig – und schon früh auch im Alltag möglich.

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Gespräche über Tod und Trauer sind häufig schmerzhaft, unangenehm und können Verunsicherung oder sogar Ängste auslösen. Viele Erwachsene vermeiden es, über diese Themen zu sprechen, weil sie die eigene Endlichkeit verdeutlichen, und machen sie so zu Tabuthemen im Alltag.

Das betrifft auch Kinder: Oft reden Erwachsene bei Trauerfällen nicht mit ihnen, weil sie denken, die Kindern könnten die Nachricht möglicherweise nicht verarbeiten. Dabei ist auch für die Kleinsten Trauer eine Alltagserfahrung: "Kinder kommen sehr früh mit Verlust und Abschied in Berührung, beispielsweisen wenn die Mutter den Raum verlässt oder wenn das Lieblings-Kuscheltier nicht da ist", sagt Tuoi Weisensel-Hoang, Referentin für Kinderpastoral im Bistum Eichstätt.

Deshalb ist es wichtig, schon mit jungen Kindern über die Themen Tod und Trauer zu sprechen, damit sie den Umgang damit lernen. Das geht schon sehr früh, nämlich sobald das Kind in der Lage ist zu sprechen und erste Gespräche führen kann. Kinder können zwar nicht von Anfang an die Endlichkeit des Lebens begreifen – diese Fähigkeit entwickeln Kinder häufig erst im Grundschulalter – sie aber kindgerecht an die Themen Tod und Trauer heranzuführen, ist trotzdem möglich.

Auch in der Natur lässt sich Vergänglichkeit beobachten

Bereits im Alltag bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, mit Kindern über den Tod zu sprechen – nicht erst bei einem Trauerfall im engeren familiären Umfeld. Auch bei einem Spaziergang in der Natur lässt sich Vergänglichkeit beobachten, beispielsweise bei verwelkenden Blumen oder einem toten Tier. Dabei haben Kinder eine größere emotionale Distanz, als wenn sie der Todesfall direkt betrifft. Je mehr sich die Kinder schon mit dem Thema beschäftigt haben, desto einfacher ist es für Erwachsene auch, sie in einem konkreten Trauerfall zu begleiten.

Kinder sprechen das Thema dabei häufig selbst an und stellen von sich aus Fragen. "Man muss nicht jeden Tag schauen, dass man Gespräche mit Kindern über Tod und Trauer initiiert", sagt Eileen Küthe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie der Universität Vechta. "Aber wenn es die Gesprächsanlässe gibt, sollte man sie nutzen und nicht gleich alles abwürgen und den Kindern damit das Gefühl geben, dass sie nicht über das Thema sprechen dürfen."

Theologin Eileen Küthe
Bild: ©Privat

Im Trauergespräch mit Kindern könne man gut vermitteln, "dass wir als Christen die Hoffnung haben, dass mit dem Tod eben nicht alles vorbei ist und dass die christliche Gemeinschaft als Gemeinschaft hinter den Trauernden steht", sagt Eileen Küthe. Die Theologin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für katholische Theologie der Universität Vechta und erforscht den Umgang mit Tod und Trauer im Grundschulalter.

Eine genaue Schablone dafür, wie solche Gespräche ablaufen sollten, gibt es nicht. Wichtig ist es stattdessen, die Vorstellungen des Kindes wahrzunehmen und mit ihm darüber zu sprechen. "Ich frage das Kind: Wie stellst du dir das vor? Wie kommst du darauf? Erzähl mir einfach", sagt Weisensel-Hoang. Es gehe nicht darum, zu bewerten, welche Vorstellungen richtig oder falsch sind. "Man sollte schauen, was für das Kind passt und woraus es Kraft und Hoffnung schöpfen kann."

Aufzwingen sollte man seine eigene Vorstellung vom Sterben und dem Leben nach dem Tod dabei nicht, sondern sie dann anbieten, wenn das Kind danach fragt. Es gibt aber durchaus Stellen, an denen Erwachsene eingreifen sollten. Das ist etwa dann der Fall, wenn ein Kind ein sehr negatives Bild hat oder in der Trauer stecken bleibt. "Als Erwachsener ist es meine Aufgabe, meinen Schutzbefohlenen zu helfen, den Verlust in den Alltag zu integrieren", erklärt Weisensel-Hoang.

Wichtig sind Ehrlichkeit und kindgerechte Formulierungen

Der größte Fehler sei dabei, nicht direkt mit dem Kind zu sprechen, sondern mit anderen Erwachsenen darüber, wie es dem Kind geht, obwohl es selbst anwesend ist. "Kinder sind gleichwertige Gesprächspartner und wollen auch ernstgenommen werden", sagt die Kinderpastoral-Referentin. Besonders wichtig ist es dabei, ehrlich zu sein und kindgerecht zu formulieren. Denn Kinder können beispielsweise Metaphern häufig nicht verstehen, die Eltern verwenden, um Kinder zu schützen. Sätze wie "Oma kann nicht mehr zu uns kommen", "Papa ist eingeschlafen" oder "Opa ist auf einer langen Reise" sorgen im schlimmsten Fall für Selbstvorwürfe, Schlafstörungen oder Verlustängste bei Urlaubsreisen.

Wichtig ist Ehrlichkeit auch dann, wenn man keine Antwort auf eine sehr direkte Frage weiß. "Wenn man als Erwachsener von einer Frage überrascht ist, kann man ruhig sagen: 'Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht'", sagt Weisensel-Hoang. Ideal sei es dann, sich Zeit zu nehmen und gemeinsam mit dem Kind über die Frage nachzudenken.

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Grundsätzlich trauern Kinder anders als Erwachsene und zeigen auch andere Trauerreaktionen. Zwar erleben auch Erwachsene unterschiedliche Phasen von Trauer, bei Kindern können diese Phasen von Traurigkeit und Spaß aber sehr schnell wechseln, weil sie trauerfreie Zeit brauchen. So kann es durchaus vorkommen, dass Kinder nach einer Trauernachricht zunächst scheinbar empfindungslos reagieren und lieber direkt weiterspielen wollen. "Für Kinder ist das eine Art Schockzustand. Sie können die Nachricht noch nicht verarbeiten und realisieren den Tod nicht und sehnen sich mit dem Wunsch zu Spielen nach Normalität", sagt Küthe, die den Umgang mit Tod und Trauer im Grundschulalter wissenschaftlich erforscht.

Manche Kinder ziehen sich aber auch komplett zurück oder machen Entwicklungsschritte zurück und nässen sich beispielsweise wieder ein. Auch Wut oder Schuldgefühle über den Tod können vorkommen. "Kinder haben noch ein magisches Verständnis. Wenn sie wütend auf jemanden waren, der gestorben ist, kann es passieren, dass sie sich die Schuld dafür geben, weil sie noch nicht verstehen, dass der Tod etwas Natürliches ist, das nicht in ihrer Macht steht", so Küthe.

"Ein Trauergespräch findet nicht nur einmal statt"

Helfen kann dabei auch die christliche Botschaft der Auferstehung. "Man kann im Gespräch mit Kindern gut vermitteln, dass wir als Christen die Hoffnung haben, dass mit dem Tod eben nicht alles vorbei ist und dass die christliche Gemeinschaft als Gemeinschaft hinter den Trauernden steht", sagt Küthe. Auch das Erklären, was beispielsweise bei einer Beerdigung passiert kann den Kindern helfen, Tod und Trauer besser zu verstehen und zu verarbeiten. Im Gespräch sollten aber auch die eigenen Vorstellungen des Kindes ihren Raum bekommen. 

Was es bei allen Gesprächen mit Kindern über Tod und Trauer braucht, ist vor allem Zeit und Geduld. "Ein Trauergespräch findet nicht nur einmal statt. Das ist ein Prozess", sagt Weisensel-Hoang. Wenn ein Kind selbst den Tod eines nahestehenden Menschen miterlebt hat, ist es wichtig, den Verlust auch in den Alltag zu integrieren und beispielsweise an Geburtstagen den Verstorbenen zu benennen und ihn nicht totzuschweigen. Dabei sind Eltern genauso gefordert wie Erzieher oder Lehrer. Hilfe können dabei auch Seelsorger bieten. "Es ist unser Job als kirchliche Mitarbeiter, hier zu dienen", so die Pastoralreferentin.

Das Leben geht in kleinen Schritten weiter. Das sollten Kinder in einem Trauerfall vermittelt bekommen und spüren. Dabei brauchen sie die Unterstützung von Erwachsenen. "Wenn kleine Kinder die ersten Schritte machen, nimmt man sie an die Hand. Bei der Trauerbegleitung ist das genauso", sagt Weisensel-Hoang. Sie vergleicht die Trauerarbeit mit dem Springen in Pfützen. "Manchmal kommt die Trauer wie ein kleiner Regenschauer. Die Kinder springen dann rein in eine Pfütze und wieder raus. Und wir Erwachsene geben ihnen die Hand, damit sie springen können."

Von Christoph Brüwer