Ein Kreuz wirft Schatten
Fall des Geistlichen A. hatte für großes Aufsehen gesorgt

Kardinal Woelki entlässt Missbrauchstäter aus dem Klerikerstand

Es ist die härteste Strafe, die das Kirchenrecht vorsieht: Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki hat den zweimal verurteilten Missbrauchstäter A. aus dem Klerikerstand entlassen. Dessen Fall hatte in den vergangenen Wochen für Aufsehen gesorgt.

Köln - 16.12.2020

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat einen zweimal wegen Missbrauchs verurteilten Geistlichen aus dem Klerikerstand entlassen. Die Entlassung sei erfolgt, nachdem das entsprechende Urteil des Kölner Kirchengerichts vom November durch die Bestätigung der vatikanischen Glaubenskongregation rechtskräftig geworden sei, teilte das Erzbistum Köln am Mittwochvormittag mit. Der 87-jährige A. habe damit die schärfste Strafe erhalten, die das Kirchenrecht für einen Kleriker vorsehe. Mit der Entlassung aus dem Klerikerstand verliert A. laut der Erzdiözese für immer alle mit der Priesterweihe verbundenen Rechte und Privilegien. So dürfe er keine Sakramente mehr spenden und den priesterlichen Dienst in keiner Weise mehr ausüben.

"Kardinal Woelki und ich begrüßen, dass Rom das Strafmaß im Fall A. bestätigt hat. Mit der Entlassung aus dem Klerikerstand kommt das kirchenrechtliche Verfahren in diesem Fall endlich zum Abschluss", sagte der Kölner Generalvikar Markus Hofmann. Die jetzt vom Vatikan bestätigte Strafe mache "das erschütternde Ausmaß des angerichteten Unheils" deutlich. Kardinal Woelki selbst zeigte sich "sehr erleichtert" über die Nachricht aus Rom. "Ich hoffe, dass dieses deutliche Urteil für die Betroffenen ein Stück Gerechtigkeit schafft", so der Erzbischof.

"Jahrzehntelange Aneinanderreihung schwerer Fehler"

Der Fall A. hatte in den vergangenen Wochen hohe Wellen geschlagen. Mitte November bezeichnete Woelki den kirchlichen Umgang mit dem Priester als "jahrzehntelange Aneinanderreihung schwerer Fehler". Dessen wiederholter Einsatz in der Seelsorge sei "absolut unverantwortlich" gewesen. Dafür müssten Verantwortliche "herausgefunden und benannt werden". Er habe, so Woelki weiter, den von ihm mit einem neuen, für März kommenden Jahres angekündigten Missbrauchsgutachten beauftragten Kölner Strafrechtler Björn Gercke gebeten, die Frage der Verantwortung besonders in diesem Fall zu klären.

A. war trotz der beiden Verurteilungen durch staatliche Gerichte in drei Bistümern tätig. 1972 wurde der dem Erzbistum Köln angehörende Priester wegen "fortgesetzter Unzucht mit Kindern und Abhängigen" zu einer Haftstrafe verurteilt. Danach war er ab 1973 im Bistum Münster eingesetzt, bis er 1989 wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen eine Bewährungsstrafe erhielt und kurz darauf als Altenheimseelsorger nach Köln zurückkehrte. Als Ruhestandsgeistlicher war er dann von 2002 bis 2015 in Bochum-Wattenscheid im Bistum Essen aktiv. Im Juni 2019 hatte Woelki dem Geistlichen schließlich aufgrund der Einleitung eines kirchlichen Strafverfahrens alle priesterlichen Dienste verboten.

Gutachten belastet ehemalige Kardinäle Höffner und Meisner

Ende November hatte der "Kölner Stadt-Anzeiger" ein vom Erzbistum Köln zurückgehaltenes Sondergutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zum Fall A. auf seiner Internetseite veröffentlicht. Darin wird den verstorbenen Kölner Kardinälen Joseph Höffner (1906-1987) und Joachim Meisner (1933-2017) sowie dem Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg (1915-1975) vorgeworfen, "pflichtwidrig" kirchenrechtliche Verfahren gegen A. unterlassen und ihn trotz der Kenntnisse über seine sexuellen Übergriffe wieder in der Seelsorge eingesetzt zu haben. Vorwürfe treffen auch die Ex-Generalvikare Peter Nettekoven (1914-1975) und Norbert Feldhoff (81). Dem früheren Kölner Personalchef und heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße halten die Gutachter vor, einen 2008 gemeldeten Verdachtsfall gegen den Geistlichen nicht an die dafür zuständige Person im Erzbistum Köln weitergeleitet zu haben. Heße hat diese Vorwürfe allerdings zurückgewiesen.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hatte im November Fehler von Verantwortlichen in seinem Bistum im Umgang mit dem Fall eingeräumt. Auch er persönlich habe Schuld auf sich geladen: Nachdem er 2010 kurz nach seinem Amtsantritt in Essen von dem Fall erfahren habe, habe er sich nicht die Personalakte kommen lassen. (stz)