Milo Rau verlegt biblische Handlung ins heutige Süditalien

"Das Neue Evangelium": Wenn Passion auf politischen Aktivismus trifft

Aktualisiert am 17.12.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Ein Polit-Aktivist aus Kamerun kämpft für die Rechte von Geflüchteten, die in Süditalien unter entwürdigenden Bedingungen Tomaten ernten: Theatermacher Milo Rau vermischt in seinem Film Doku-Fiction mit der Geschichte von Jesus Christus.

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In Matera reicht ein einziger Quadratkilometer für einen kompletten Jesusfilm. Die östlich von Neapel gelegene Stadt ist als Kulisse für Jesusfilme berühmt geworden. Pier Paolo Pasolini drehte hier einen Großteil von "Das 1. Evangelium - Matthäus" (1964), auch Mel Gibsons "Die Passion Christi" (2004) entstand überwiegend dort. Und jetzt "Das Neue Evangelium": Theatermacher Milo Rau mischt die Passionsgeschichte mit einem "Making of" und einer politaktivistischen Dokumentation.

Was für Pasolini Anfang der 1960er-Jahre die Lage des Subproletariats in Süditalien war, ist für Rau die Situation der Geflüchteten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa kamen und sich nun auf den Tomatenfeldern kaputtarbeiten. Der gebürtige Kameruner Yvan Sagnet spielt den schwarzen Jesus und kennt das mafiöse System der Agrarwirtschaft aus eigener Erfahrung. Bei der Tomatenernte erlebte er, wie ein Freund aus Erschöpfung zusammenbrach; der "Aufseher" aber verweigerte die Hilfe und drohte stattdessen mit einer Geldstrafe.

Politaktivist und Sozialrevolutionär vermischen sich

2011 organisierte Sagnet den ersten Streik ausländischer Arbeiter in der italienischen Landwirtschaft. Inzwischen ist er Immigrationsbeauftragter des italienischen Gewerkschaftsbundes CGIL-Flai und betreibt mit seiner Stiftung "No Cap" Aufklärungsarbeit.

In "Das Neue Evangelium" vermischt sich der Politaktivist Sagnet mit dem Sozialrevolutionär Jesus, der seine Anhängerschaft an den Rändern der Gesellschaft rekrutiert. "Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann", heißt es aus dem Off. Die Worte hallen in der Wirklichkeit wider, wenn sich der Film in die Unterkünfte der Geflüchteten begibt: aus Brettern und Plastikplanen notdürftig zusammengezimmerte Hütten, zerbeulte Autos, Müll; es gibt weder Wasser noch Strom noch eine medizinische Versorgung; niemand besitzt eine Arbeitserlaubnis. Für 30 Euro pro Tag ernten die Männer hier Tomaten und Orangen, viele der Frauen überleben gerade so mit Prostitution.

"Das Neue Evangelium" von Milo Rau
Bild: ©Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic

Auch der Einzug Jesu in Jerusalem mit einem Esel am Palmsonntag wurde im Film "Das Neue Evangelium" von Milo Rau aufgenommen.

Die Frage, was Jesus tun und sagen würde, wenn er heute lebte, wurde immer wieder neu gestellt. Rau interessiert sich für die Jesus-Figur aber nur am Rande. Er eignet sie sich eher als einen referenziellen Rahmen an, um an seiner Erzählung über die globale Ausbeutung - im Kongo, in Ruanda, in Südamerika - weiterzuschreiben.

So ist der Film-im-Film, der geschlossen in sich bleibende Jesusfilm, auch der am wenigsten überzeugende Part in "Das Neue Evangelium". Interessanter ist der Film dort, wo die biblische Figur tatsächlich nur noch ein Zeichen im Zuge einer Protestbewegung ist: etwa wenn "Jesus" und seine "Jünger" auf Tomaten herumtreten und im Supermarkt die Berge der viel zu billigen Tomatenkonserven zum Umsturz bringen. Oder wenn Sagnet gemeinsam mit aus Matera stammenden Kleinbauern auf den Straßen die "Revolte der Würde" ins Leben ruft, eine politische Kampagne, die für die Rechte von Migranten kämpft.

Rassistische Beleidigungsorgie ohne Kontext

Mitunter kommt es unter den Protestierenden zu Meinungsverschiedenheiten. Einmal empört sich ein weißer Bauer über das ungleich verteilte Rederecht; der Film geht dem Konflikt jedoch nicht weiter nach. Auch eine Szene, in der ein junger Italiener als römischer Folterknecht vorspricht und sich in einer rassistischen Beleidigungsorgie regelrecht verausgabt, bleibt ohne Kontext und gefällt sich allzu sehr in ihrer Ambivalenz von authentischer Rede und Rollenprosa.

In solchen Momenten offenbaren sich die eher unangenehmen Seiten von Raus Projekt: Das Interesse an politaktivistischen Signalen und Effekten ist oftmals größer als die differenzierte Betrachtung. Dabei kann diese mitunter auch wie nebenher geschehen - etwa in den Liedern des Singer-Songwriters Enzo Del Re, einer der radikalsten Figuren der Musikszene der 1970er-Jahre. Lieder wie "Lavorare con Lentezza" (Mit Langsamkeit arbeiten) klingen wie Gegenwartsbeschreibungen: "Arbeite langsam/Ohne Anstrengung/Wer schnell ist, wird verletzt/Und landet im Krankenhaus /Im Krankenhaus ist kein Platz... Ich grüße dich mit geschlossener Faust/in meiner Faust liegt der Kampf".

Von Esther Buss

Dieser Text wurde freundlicherweise vom Filmdienst zur Verfügung gestellt.