Benedikt XVI. bei einer Veranstaltung im Vatikan.
TV-Premiere von "Verteidiger des Glaubens"

Vor der Wirklichkeit verschanzt: Film zeigt Tragik Joseph Ratzingers

Bereits nach seiner Uraufführung sorgte "Verteidiger des Glaubens" für Diskussionen. Der Film zeigt Benedikt XVI. als einen Mann, der alle Hoffnung auf den Glauben setzt und sich mit der Welt "draußen" schwertut. Nun ist er erstmals im TV zu sehen.

Von Katharina Zeckau (KNA) |  Berlin - 20.12.2020

Streckenweise verheerend ist das Bild, das dieser Film von der katholischen Kirche zeichnet: das eines von Kontrollwut besessenen Apparates, der vor allem das Image von der eigenen "Heiligkeit" zu bewahren sucht. Und doch kommt der Dokumentarfilm "Verteidiger des Glaubens", den 3sat am 21. Dezember von 22.25 bis 23.50 Uhr als TV-Premiere ausstrahlt, in der gebotenen Sachlichkeit und ohne Schaum vor dem Mund daher: Für das skizzierte Bild boten (und bieten) Kirche und Vatikan leider viel Material – zusätzliche Dramatisierung von außen braucht es nicht.

Bei aller Kritik begegnet die Doku ihrem zentralen Protagonisten Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., mit Respekt und dem Bemühen um Verständnis. Autor und Regisseur Christoph Röhl liefert keine grundsätzliche Kirchenkritik, sondern bietet mit den Kirchenvertretern, die zu Wort kommen, eine Phalanx an Menschen auf, die trotz aller Kritik weiter für ein weltoffenes, den Menschen zugewandtes Christentum werben: etwa den Jesuiten Klaus Mertes, der 2010 am Berliner Canisius-Kolleg die hiesige Welle an Missbrauchs-Enthüllungen ins Rollen brachte. Oder die frühere Nonne Doris Wagner, die nach der Erfahrung sexueller Übergriffe aus der geistlichen Gemeinschaft "Das Werk" austrat. Oder den nach offener Kritik suspendierten irischen Priester Tony Flannery.

Wandlung vom progressiven zum konservativen Theologen

Filmemacher Röhl versucht, Joseph Ratzinger von allen Seiten zu ergründen: seine Wandlung vom progressiven zum konservativen Theologen, seinen Blick auf Welt, Familie und Kirche, sein Pontifikat und seinen Weg hin zu der revolutionären Entscheidung, sein Amt niederzulegen. Dazu befragt der Autor zahlreiche Weggefährten und Kenner des emeritierten Pontifex: etwa dessen Privatsekretär Georg Gänswein, die Theologen Hermann Häring und Wolfgang Beinert oder den Kirchenrechtler Thomas Doyle.

Die diversen Stimmen, zahlreiche Archivaufnahmen und der von Ulrich Tukur gesprochene Off-Kommentar zeichnen das Bild eines mit der modernen Welt fremdelnden Mannes, der sich manchmal hinter den dicken Mauern des Vatikan gewissermaßen vor der Wirklichkeit verschanzte. Als Leiter der Glaubenskongregation und später als Papst setzte Ratzinger, so der Film, auf ein "triumphierendes" Bild von Kirche, auf einen "heiligen" Ort als Bollwerk gegen die Unbill des weltlichen Relativismus.

Linktipp: Neuer Dokumentarfilm: Benedikt XVI. – ein Gescheiterter?

Ein neuer Dokumentarfilm beleuchtet das Leben von Benedikt XVI. und zieht eine kritische Bilanz. Die These des Films: Obwohl Benedikt XVI. versucht habe, die Kirche und ihre Werte zu beschützen, habe er maßgeblichen Anteil daran, dass sie heute in ihrer wohl schwersten Krise stecke. Eine Filmkritik. (Artikel vom Mai 2019)

Ein Bild, das sich nicht mit den tiefen Abgründen vereinbaren ließ, die in Form zahlloser Fälle von Missbrauch und sexualisierter Gewalt durch Geistliche zunehmend an die Öffentlichkeit drängten. Einmal mehr erschütternd ist es zu sehen und zu hören, wie manche Kirchenvertreter die Stimmen dieser Opfer nicht nur nicht hören wollten, sondern häufig gar mundtot zu machen suchten – um die Fassade der Institution zu wahren.

"Verteidiger des Glaubens" ist ein auch atmosphärisch starker Film: Zwar setzt Röhl vor allem auf seine zahlreichen Interviewpartner, vergisst aber nicht, auf Bild- und Ton-Ebene für Atmosphäre zu sorgen: Dazu tragen viele bislang unbekannte Archivaufnahmen bei (der Vatikan öffnete für den Film sein Film- und Bildarchiv), die mit ihrer katholischen Üppigkeit für Schauwerte sorgen.

Aufdeckung systemimmanenter Voraussetzungen

Röhl, der bereits zwei Filme über die ebenfalls von Missbrauchsfällen erschütterte Odenwaldschule drehte, ist spürbar an der Analyse des Problems interessiert. Es geht ihm um die Aufdeckung systemimmanenter Voraussetzungen für Missbrauch, nicht ums Bashing einzelner Personen. Und doch wird der Kardinal und spätere Papst scharf kritisiert. Vorgeworfen werden ihm etwa Weltabgewandtheit, eine Konzentration auf den extrem frommen inneren Kreis und das Nicht-Sehen(-Wollen) der Opfer.

Und er wird als tragische Figur gezeichnet: Sein Scheitern, so der Jesuit Mertes, sei auch das "Scheitern einer Ära mit klarer Freund-Feind-Kennung". Am Ende sind Bilder des Aufbruchs zu sehen: Benedikts Nachfolger Franziskus 2018 im von Missbrauchsskandalen besonders erschütterten Irland.

Von Katharina Zeckau (KNA)