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Standpunkt

Mit Jesus gegen den Infektionsschutz in der Pandemie?

Wenn Christen ihren Glauben vorbringen, um das Coronavirus zu relativieren, falle das auf alle Gläubigen zurück, kommentiert Andreas Püttmann. Dieses Christentum ohne Vernunft und Demut fordere mehr heraus als ein "Advent in Ängsten".

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 22.12.2020

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Mit "Frohes Fest" wird 2020 wohl weniger gegrüßt. In den Intensivstationen kämpft knappes Pflegepersonal bis zur totalen Erschöpfung um das Leben Tausender Covid-Patienten. In den letzten Wochen starben fast so viele Menschen daran wie an Krebs. Die Übersterblichkeit konnte nur dank unseres guten Gesundheitssystems geringer gehalten werden als anderswo, doch Rettungsdienste fuhren schon stundenlang herum, um für Schwerkranke einen geeigneten Klinikplatz zu finden. Verlegungen von Beatmeten verhindern noch die Triage.

Und die Kirchen? Die Leopoldina lobte "die beiden großen" als "besonders regelkonforme Institutionen mit Blick auf die Einhaltung der coronabedingten Abstands- und Hygieneauflagen". Sie sah "keine Notwendigkeit zu weitergehenden Empfehlungen zu Weihnachtsgottesdiensten." Die seelsorgliche Kreativität in den Gemeinden ist groß. Christliche Wissenschaftler und Publizisten gaben ethische Orientierung in der Krise. In Social media bezeugen unzählige Christen gegen alle Tristesse Glaube, Liebe und Hoffnung.

Aber es gab auch Verdunkelungen dieses Zeugnisses. Das unsägliche Pamphlet von Vigano, Müller & Co mit wirren Verschwörungstheorien oder die mit Kruzifixen vor Polizisten herumfuchtelnden "Querdenkerinnen" waren die medial sichtbarsten Spitzen eines Abgleitens von Religion in "Religiotie". Propst Goesche vom "Institut Philipp Neri" gab hier am 5.11. zum Besten: "Ich halte die medizinischen Gefahren dieses Virus' für nicht außergewöhnlich schlimm. Wo sind denn all die überbelegten Intensivstationen, vor denen wir seit Monaten gewarnt werden?" Merke: Weihe schützt vor Torheit nicht. Eine Zumutung für alle Lebensschützer in der Pandemie. Mit Abtreibung braucht man ihnen danach nicht mehr zu kommen. Sogar ein katholisches Intelligenzblatt relativierte noch jüngst: "Über die reale Infektiosität des Corona-Virus streiten sich die Gelehrten"; Jesus habe "ansteckende Menschen umarmt und anschließend mit Tausenden Festmähler gefeiert". Da ist der bibelfundamentalitische Realitätsverlust trumpistischer US-Evangelikaler nicht mehr fern.

Ein christliches "Avanti dilettanti!" bei Corona fällt auf uns alle zurück. Denn wenn Gläubige schon in weltlichen Dingen abwegigste Thesen "glauben", bekommt Kirche ein viel radikaleres Problem als das der seelsorglichen Relevanz in Pandemiezeiten: Die atheistische Theorie, Religion sei nur "Projektion" je eigener Wünsche und unbegrenzter Fantasie, wird plausibler. Das den Zweifler stützende Argument der Vielen und Klugen, die auch an Gott glauben, verliert an Kraft. Mehr als ein "Advent in Ängsten" fordert uns ein Christentum ohne Vernunft und Demut heraus, das die "iusta autonomia" (Gaudium et Spes 36) der irdischen Wirklichkeiten missachtet und der Pippi-Langstrumpf-Devise folgt: "Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt."

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.