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Standpunkt

Selten zuvor war das Fest der Unschuldigen Kinder so aktuell

Manch ein Bischof gedachte am Fest der Unschuldigen Kinder des ungeborenen Lebens, erinnert sich Werner Kleine. Mittlerweile wird der Missbrauch an Kindern in der Kirche immer klarer. Er fragt nun: Ist dieses Verhalten vergangener Jahre nicht bigott?

Von Werner Kleine |  Bonn - 28.12.2020

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Der Tag der Unschuldigen Kinder war wohl selten so aktuell wie in diesem Jahr. Das Vergehen der Machtvollen an Kindern kennt viele Formen menschlicher Perversion. Dabei ist es unerheblich, das eilfertige Exegeten den matthäischen Kindermord von Bethlehem als legendarische Fiktion deuten. Tatsache ist, dass der historische Herodes in Sachen Machtsicherung durchaus bereit war, selbst seine Söhne Alexander und Aristobulos in den Tod zu schicken, als die seinem Thron zu nahe traten. Auch berichtet der heidnische Platoniker Ambrosius Theodosius Macrobius um 400 n.Chr. in seiner Schrift "Saturnalia", Herodes, der König der Juden, habe alle unter zweijährigen Knaben in Syrien töten lassen. Herodes, dem König der Juden, war eine solche Tat wohl zuzutrauen. Die Sicherung der Macht, die auf Kosten unschuldiger Kinder geht, hallt seitdem als Urbild eines pervertierten Narzissmus, dem das eigene Wohl über jede Menschlichkeit geht, durch die Zeiten.

Es ist noch nicht allzu lange her, da ließen manche Bischöfe an diesem Tag die Glocken läuten – zum Schutz des ungeborenen Lebens. Es sollte am Fest der Unschuldigen Kinder ein lauter Protest für das Leben sein. Und trotzdem hat mich immer wieder dieses merkwürdige Gefühl beschlichen, denn das Geläut war eher eine Verurteilung, die das Dilemma, in dem viele betroffene Frauen und Männer sich befinden, übertönte und aus sich keine Hilfe anbot. Oder war in dem Geläut jenes Wort Jesu zu hören, das er der Ehebrecherin zusprach: "Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" (Joh 8,11)?

Immer unwohler ist mir in den letzten Jahren geworden, als die Zahl der von Klerikern missbrauchten Kindern immer offenbarer und klarer und größer wurde. Es hört bis auf den heutigen Tag nicht auf, wenn offenkundig die Sicherung kirchlicher Macht vor dem Heil der Menschen steht, gerade jener, die als Betroffene schon allzu lange auf Gerechtigkeit warten. Ist das Geläut für die unschuldigen Kinder vergangener Jahre da nicht bigott? Wo ist das klare Bekenntnis zur eigenen Verantwortung und Schuld, das nicht verallgemeinert und Verzeihung erst möglich macht?

Jesus jedenfalls flieht im Matthäusevangelium mit seinen Eltern vor Herodes, dem mit Macht Kinder Tötenden, nach Ägypten. Wird er bei der Kirche bleiben, wenn jenen, die als Kind missbraucht wurden und denen mächtige Kirchenleute keine Gerechtigkeit widerfahren lassen, weiter kein Recht verschafft wird? Gott ist parteiisch. Er steht an der Seite der Schwachen, vor allem der Kinder. Segnen sollt ihr sie. Wehe aber denen, die Hand an Kinder legen!

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

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