Eine Frau steht vor Bücherregalen einer katholischen Buchhandlung.
Immer mehr Traditionsgeschäfte schließen

Christliche Buchhandlungen: Engel gehen besser als theologische Wälzer

Gerade erst hat in der Dresdner Innenstadt die christliche Buchhandlung Sankt Benno geschlossen – nach 65 Jahren. Und so wie ihr ging es zuvor auch anderen einstigen Traditionsgeschäften. Christliche Kernliteratur verkauft sich immer schwerer. Wer überleben will, muss das Sortiment radikal anpassen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 19.01.2021

Kösel in Köln oder Carolus in Frankfurt: Beide Namen stehen für traditionsreiche christliche Buchhandlungen – und beide gibt es seit einigen Jahren nicht mehr. Sie mussten schließen. Und es gibt noch mehr ähnliche Beispiele: So hat etwa zum Jahresende 2020 die Buchhandlung Sankt Benno in der historischen Altstadt von Dresden nach 65 Jahren in der Stadt die Türen geschlossen.

Dass manche christliche Buchhandlung zu kämpfen hat und nicht alle von ihnen den Überlebenskampf gewinnen, hat viele Gründe. Rolf Pitsch ist Geschäftsführer der Bonifatius GmbH, die in Paderborn und Dortmund Buchhandlungen unterhält. Er betrachtet die Lage nüchtern: "Der Handel mit theologischer Fachliteratur wird immer schwieriger." Heute haben die Buchhandlungen so manche Produkte im Angebot, denen Pitsch zu Anfang bisweilen selbst kritisch gegenüberstand. Statt theologischer Standardwerke verkaufen sich zunehmend niedrigeschwelligere Bücher und Produkte oder Geschenkartikel zu Spiritualität in einem sehr weiten Sinne: Gebetswürfel, Edelsteine als Handschmeichler, Postkarten mit sinnstiftenden Sprüchen und natürlich jede Menge Engel und Sterne. Frühstücksbrettchen mit Morgengebeten darauf waren für Rolf Pitsch eines der gewöhnungsbedürftigsten Produkte: "Etwas so Heiliges und Würdevolles wie das Tischgebet auf einer so profanen Unterlage wie einem Schneidebrettchen – das ging für mich zunächst gar nicht", erinnert er sich. Doch die Brettchen verkaufen sich.

Christliche Fachsortimente als wirtschaftliche Herausforderung

Es scheint, als zeige sich der allgemeine Rückgang des kirchlich verwurzelten Glaubens hin zu einer eher allgemeinen, bisweilen "selbstgebastelten" Spiritualität auch bei den christlichen Buchhandlungen. Wenn Jahr für Jahr hunderttausende Menschen aus der Kirche austreten und auch unter denen, die noch in der Kirche sind, immer weniger den Glauben praktizieren, dann verändert sich eben auch die Nachfrage nach christlicher Literatur. "Christliche Fachsortimente klassischen Zuschnitts und in Reinkultur sind wirtschaftlich eine echte Herausforderung", hatte zur Buchmesse im Jahr 2019 auch Ulrich Peters, der Geschäftsführer des Katholischen Medienverbandes KM, gesagt.

Etwas so Heiliges und Würdevolles wie das Tischgebet auf einer so profanen Unterlage wie einem Schneidebrettchen – das ging für mich zunächst gar nicht.

Zitat: Rolf Pitsch

Beim Freiburger Herder Verlag haben es 2020 zehn religiöse Sachbuch-Titel in die Top30 der Spiegel-Beststeller-Liste geschafft, so viele wie selten zuvor. Ein sehr gutes Ergebnis, findet Cheflektor und Geschäftsführer Simon Biallowons. Auch klassisch-theologische Literatur läuft hier weiterhin, mit neukonzipierten Schott-Ausgaben wurden sogar überraschende Erfolge gefeiert. Allerdings stehen Änderungen bevor: "Ich bin mir nicht sicher, wie viele Ordensleute, Priester oder Theologiestudierende es in 15 oder 20 Jahren noch gibt, die die entsprechenden Bücher kaufen", so Biallowons. Einführungswerke in die Feier der Eucharistie, das Kirchenrecht oder die christliche Eschatologie haben eben eine begrenzte Leserschaft. Ein wichtiges Standbein sind auch für den Herder Verlag dagegen Bücher, die "Lebensklugheit und Lebenskompetenz" vermitteln, wie Biallowons es formuliert. Die Faustregel: Bände mit einem direkt erkennbaren Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen laufen besser als solche zu eher abstrakten Themen. Das zeigt exemplarisch das Buch "Quarantäne – Eine Gebrauchsanweisung" von Anselm Grün, das 2020 sehr gut ankam und auf Platz 8 der Bestseller-Liste landete.

Wie zuversichtlich kirchliche Buchhandlungen in die Zukunft schauen, hängt aber auch von anderen Faktoren als dem eigenen Sortiment ab. Der zunehmend erstarkende Online-Handel ist eine große Konkurrenz. Ein wichtiger finanzieller Faktor ist auch die Höhe der Ladenmiete. Gerade von Immobilieneigentümern aus dem kirchlichen Bereich wünschen Buchhandlungen Unterstützung durch moderate Raten. Doch nicht immer ist das möglich und nicht immer gibt es eine Einigung.

Verkaufen sich oft gut: Bücher des Benediktinerpaters Anselm Grün.

Dass das im Fall der Dresdner St. Benno-Buchhandlung eine Rolle gespielt haben könnte, lässt ein Facebook-Post von Ende Dezember 2020 erahnen. Mit dem Vermieter, dem Bistum Dresden-Meißen, sei leider kein Kompromiss gefunden worden, heißt es da. Und dann wörtlich: "Wir wünschen dem Bistum Dresden-Meißen für die Zukunft alles Gute und einen finanzstarken Nachmieter". Das Bistum seinerseits stellte im Januar klar, es sei der Buchhandlung aus seiner Sicht bei der Miete sehr weit engegengekommen. Der Betrag habe schon länger deutlich unter dem ortsüblichen Niveau gelegen. Der Geschäftsschluss sei Folge der einseitigen Kündigung durch die Geschäftsführung der Buchhandlung.

Seelsorgegespräch und Fahrradkurier

Ein großes Pfund christlicher Buchhandlungen sieht Geschäftsführer Rolf Pitsch von der Bonifatius GmbH im Personal: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien allesamt so gut geschult, dass sie Kunden umfassend beraten könnten – und das schätzten diese sehr. "Viele Menschen haben zunächst noch nicht klar vor Augen, was sie genau haben wollen. Sie gehen einfach in den Laden, um sich etwas Gutes zu tun", erklärt er. Manchmal, so berichtet Pitsch, führten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richtiggehende Seelsorgegespräche. Aber auch mit einer schnellen Belieferung per umweltschonendem Fahrradkurier wollen sie überzeugen.

Dass christliche Buchhandlungen einst komplett von der Bildfläche verschwinden könnten, glauben die Buchhändler nicht. Viele Geschäfte seien in ihrer Umgebung weiterhin eine wichtige Größe. Das zeigten auch die Beispiele von großen Klosterbuchhandlungen wie etwa in Maria Laach. Schließlich erfüllten die Läden auch jenseits des wirtschaftlichen Erfolgs eine wichtige Funktion, findet Simon Biallowons: "Die Kirche muss mit ihren Buchhandlungen weiter in den Innenstädten präsent bleiben. Sonst geht ihr etwas sehr Wichtiges verloren: ein Stück Präsenz und Sichtbarkeit in einem ansonsten doch eher säkularen Umfeld. Immerhin sind wir eine Buchreligion."

Von Gabriele Höfling