Eine Frau hat ihre Atemschutzmaske auf dem Hinterkopf mit der Aufschrift Corona Lüge
Bei Ablehnung des Impfens zeigten sich seit Jahrhunderten ähnliche Muster

Wissenschaftler sieht pseudoreligiöse Motive bei Impfgegnern

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard sieht in der Haltung passionierter Impfgegner "Spuren einer para-religiösen Erzählung". Bei der Ablehnung des Impfens zeigten sich zudem über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Muster.

Köln - 31.12.2020

Kulturwissenschaftler Andreas Bernard sieht in der Haltung passionierter Impfgegner "Spuren einer para-religiösen Erzählung". Das zeige sich beispielsweise in einer Verabsolutierung des Körpers, der sich angeblich durch natürliche Prozesse heile, sagte der an der Leuphana Universität Lüneburg lehrende Forscher am Donnerstag in einem Interview des Deutschlandfunks. Diese Vorstellungen, die aktuell angesichts der Corona-Impfungen vorgebracht würden, blickten auf eine lange Tradition zurück.

"Die erste Impfung in der modernen Seuchengeschichte gab es im frühen 18. Jahrhundert gegen die Pocken", führte Bernard aus. "Sofort, also praktisch am Tag nach dem Bekanntwerden dieser Impfpraxis, gab es eine sehr, sehr große Gegnerschaft." Damals sei behauptet worden, das Impfen würde die göttliche Vorsehung durchkreuzen: Wer sich impfen lasse, könne sich nicht mehr nach dem göttlichen Plan zu dieser Krankheit verhalten.

Impffrage "eines der komplexesten ethischen Probleme, die es gibt"

Bei der Ablehnung des Impfens zeigten sich über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Muster, meinte der Wissenschaftler mit Blick auf moderne Beschwörungen "natürlich leiblicher" Heilungskräfte und Heilprozesse. "Ich glaube, in der Skepsis gegenüber dieser medizinischen Errungenschaft kann man schon eine Traditionslinie zu einem religiösen Weltbild erkennen."

Zugleich bezeichnete Bernard die Impffrage als "eines der komplexesten ethischen Probleme, die es gibt". Das zeige sich etwa bei der Debatte, ob Geimpfte in der Pandemie Sonderrechte erhalten sollten, also beispielsweise wieder in Restaurants oder Kinos gehen dürften. Darauf gebe es keine einfachen Antworten. Aber in politischem Sinne seien derartige Diskussionen um das Impfen "hochinteressant", weil sie in aller Deutlichkeit die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft stellten. (KNA)