Benedikt XVI. am Flughafen München
Mehr als 2.873 Tage Altpapst – und noch immer ist vieles ungeklärt

Länger Emeritus als Papst: Benedikt XVI. erfindet seine Tradition

Das Pontifikat von Benedikt XVI. war eines der kürzeren. Sein Ex-Pontifikat dagegen ist das längste der Geschichte: Nun ist er länger im Ruhestand als er im Amt war. Und noch immer ist nicht klar, was ein ehemaliger Papst kann, darf und soll – und wie sich Kontroversen vermeiden lassen.

Von Felix Neumann |  Vatikanstadt - 12.01.2021

Seit Montag ist Benedikt XVI. länger Altpapst als Papst. 2.873 Tage, vom 19. April 2005 bis zum 28. Februar 2013, war er Bischof von Rom – am Sonntag vor 2.873 Tagen wurde sein Rücktritt wirksam. Aus einem Provisorium ist damit fast eine Institution geworden, für die es so gut wie keinen Präzedenzfall und formal auch keine kirchenrechtlichen Regelungen gibt. Was Benedikt XVI. tut, schafft eine neue Tradition, und Papst Franziskus scheint keine Regelung für nötig zu halten – sei es aus Respekt vor seinem noch lebenden Vorgänger, sei es, weil er grundsätzlich keinen Bedarf sieht. Geäußert hat er sich dazu nicht. Vielleicht rechnet Franziskus selbst damit, recht bald durch eigenes Beispiel diese Tradition mitzugestalten, hatte er doch zunächst für sich selbst nur ein kurzes Pontifikat angekündigt.

Einen Teil der Deutung lieferte unterdessen Benedikt XVI. selbst nach. Seiner umfangreichen Ratzinger-Biographie legte Peter Seewald 2020 Antworten des Emeritus auf Fragen bei, die er ihm bereits im Herbst 2018 gestellt hatte. "Letzte Fragen" ist das Interview überschrieben, und viele der letzten Frage hatte Benedikt erst gar nicht beantwortet, wie Seewald dem Gespräch voranstellt. "Was Sie mich da fragen, führt natürlich sehr weit in die jetzige Situation der Kirche hinein", zitiert Seewald aus einem Schreiben, und daher gebe es keine Antworten darauf. Das würde "unweigerlich eine Einmischung in das Wirken des jetzigen Papstes darstellen. Alles, was in diese Richtung ginge, musste ich und will ich vermeiden".

Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt XVI.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (l.) begrüßt Papst Franziskus am 28. November 2020 im Vatikan-Kloster "Mater ecclesiae" im Vatikan.

Seit dem Rücktritt gibt es viel Kritik an der Art, wie Benedikt seinen Ruhestand gestaltet: Auf einer symbolischen Ebene wird immer wieder die Entscheidung gerügt, weiterhin das Weiß des Papstes zu tragen; die Unterschiede in seinem Auftreten fallen nur Eingeweihten auf: der Schulterkragen, die Pellegrina, fehlt, der Fischerring zerstört, und die roten Schuhe trägt sein Nachfolger auch als Papst nicht mehr. "Zum Zeitpunkt meines Rücktritts standen keine anderen Kleider zur Verfügung", sagte der Emeritus ein Jahr nach seinem Rücktritt selbst dazu. Gegenüber Seewald verwahrte sich Benedikt gegen alle Einwände zu seinen Entscheidungen zum eigenen Auftreten: "Es ist nicht einzusehen, wieso ein Kirchenhistoriker, das heißt jemand, der die Vergangenheit der Kirche studiert, besser als andere wissen soll, ob es einen emeritierten Papst geben kann oder nicht."

Altbauer im Austragshaus

So wie der Rücktritt von Diözesanbischöfen eine recht junge Neuerung sei – erst in der Zeit des Zweiten Vatikanums wurde diese Möglichkeit regelmäßig eröffnet –, so sei es nun auch mit den Päpsten. Der emeritierte Bischof habe "keinerlei Beteiligung am konkreten Rechtsgehalt des Bischofsamtes, sieht aber zugleich die spirituelle Bindung als eine Realität an", so Benedikt – und es sei nicht einzusehen, warum diese Rechtsfigur nicht auch auf Päpste anzuwenden sei. Kompakt schildert der ehemalige Papst seine Amtstheologie des Emeritus: "keinerlei konkrete rechtliche Vollmacht mehr, aber eine spirituelle Zuordnung, die – wenn auch unsichtbar – bleibt". Wie der Altbauer sein Anwesen dem Sohn übergibt und ins Austragshaus zieht, hat sich auch Benedikt XVI. ins Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan zurückgezogen. Papst Franziskus scheint diese Interpretation durch sein Schweigen und sein Handeln mitzutragen – das bezeugen die Bilder freundschaftlicher Besuche, die immer wieder auftauchen.

Stets strahlen diese Bilder Harmonie aus, zuletzt anlässlich des Besuchs der neuen Kardinäle im vergangenen November. Weniger harmonisch wirken oft die Äußerungen Benedikts. Hier stößt die Figur des zurückgezogenen Austragsbauern, der seinem Sohn den Hof überlassen hat, an seine Grenzen – seit Jahrzehnten ist Joseph Ratzinger ein Mann des Wortes, trotz aller Beteuerung von Kontinuität zwischen dem gegenwärtigen und dem vergangenen Pontifikat wird jede öffentliche oder öffentlich gewordene Äußerung auf mögliche Kritik und Dissens untersucht.

Die neu ernannten Kardinäle (v.l.n.r.) besuchen mit Papst Franziskus den emeritierten Papst Benedikt XVI. am 28. November 2020 im Vatikan-Kloster "Mater ecclesiae" im Vatikan.

Verschärft hat Benedikt XVI. das auch selbst mit der Ansage, in Gebet und Nachdenken leben zu wollen. Regelmäßig wurde das als Ankündigung eines selbstverordneten Schweigens interpretiert – auch wenn es diese Ankündigung so nie gab. Die seltenen öffentlichen Verlautbarungen jedenfalls gehen fast unweigerlich mit neuen Diskussionen einher, ob Benedikt sein nie gelobtes Schweigegelübde gebrochen hätte. Die teils harsche Kritik an Äußerungen, so zuletzt angesichts eines in der theologischen Zeitschrift "Communio" erschienenen Aufsatzes zur christlichen Theologie des Judentums, interpretiert Benedikt selbst als Versuche, "einfach meine Stimme auszuschalten", wie er gegenüber Seewald zu Protokoll gab.

Ein Altpapst kann nicht nichts sagen

Dort nennt Benedikt die Behauptung, "dass ich mich regelmäßig in öffentliche Debatten einmische" eine "bösartige Verzerrung der Wirklichkeit". Zur Institution des emeritierten Papstes gehört aber auch, ob er selbst das will oder nicht, dass jede Äußerung im Licht seiner ehemaligen Lehrautorität und mit Blick auf die seines Nachfolgers interpretiert wird – gerade, wenn es zu tatsächlichen oder scheinbaren Zufällen kommt wie 2014.

Im zeitlichen Umfeld der Familiensynode erschien damals ein 40 Jahre alter Text in den Gesammelten Werken Ratzingers neu – mit neuem Schluss, der im Vergleich zum ursprünglichen Text keine Wege mehr offenlässt für Barmherzigkeit gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen, über die die Synode gerade debattierte – doch der Text sollte damit nicht im Zusammenhang stehen, hieß es. So gedeutet wurde er trotzdem. 2017 schickte Benedikt ein Grußwort anlässlich der Beerdigung seines Weggefährten Joachim Meisner, des verstorbenen Kölner Kardinals. Der Herr verlasse seine Kirche nicht, "auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist", hieß es daran über den Glauben Meisners – das wurde als unbotmäßige Kritik zur Lage der Kirche interpretiert, Benedikt wollte es als Anspielung auf eine Predigt des heiligen Gregor des Großen verstanden wissen. 2020 sorgte ein angeblich gemeinsam mit Kardinal Robert Sarah veröffentlichtes Buch zum Zölibat für Aufsehen. Doch der Emeritus distanzierte sich bald von der Co-Autorschaft; nur ein Kapitel, keineswegs das ganze Buch samt Vorwort, stammten von Benedikt, ließ sein Privatsekretär Georg Gänswein ausrichten; das Deckblatt müsse geändert werden.

Auch nach 2873 Tagen Emeritus ist nicht klar, wie solche öffentlichen Verstimmungen vermieden werden können, welche Regeln geholfen hätten, welche Normen es gebraucht hätte  – und ob das überhaupt möglich und regelbar wäre angesichts der Singularität des Papstamtes. Möglicherweise liegen die Spannungen trotz aller demonstrativen Harmonie auch weniger in der weißen Farbe der Soutane als in den Rollen, die die Öffentlichkeit – unter deutlicher Mitwirkung der Protagonisten – dem Bewahrer-Papst Benedikt und dem Reformer-Papst Franziskus zugesprochen haben. Ob da eine klare Regelung des Status geholfen hätte? Päpste sind immer Ausnahmegestalten und oft Gestalter der Tradition. Vielleicht muss das auch für die Institution des Emeritus gelten.

Von Felix Neumann

Korrektur, 22. Januar 2021, 13.20 Uhr: Das von Benedikt XVI. abgelegte Kleidungsstück ist eine Pellegrina, keine Mozzetta.