Eine Mariendarstellung hängt an einer verkohlten Wand einer Kirche nahe Alqosh im Norden des Irak.
Evangelischer Theologe für differenziertere Debatte

Christenverfolgung: Vereinfachung vergiftet Miteinander der Religionen

Das Hilfswerk "Open Doors" macht jedes Jahr mit einem "Weltverfolgungsindex" auf Christenverfolgung aufmerksam. Doch der vereinfache eine komplexe Situation, was das Miteinander der Religionen belasten könne, sagt der evangelische Pfarrer Enno Haaks.

Leipzig - 14.01.2021

Der Hang zu Vereinfachung und Vereindeutigung vergiftet nach Auffassung des Generalsekretärs des evangelischen Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks, das Miteinander der Religionen weltweit. Im Interview mit dem Onlinemagazin "Die Eule" (Mittwoch) sieht er dabei auch eine Mitschuld bei Christen. Heute gebe es "eine große Sehnsucht nach Vereinfachung und klaren Botschaften", die beispielsweise durch den "Weltverfolgungsindex" des Hilfswerks "Open Doors" geboten werde. Insbesondere die Fokussierung auf ganze Staaten sei problematisch: "Es stimmt einfach nicht, dass Christen in ganz Syrien verfolgt werden", so Haaks. "Sie sind aufgrund der wirtschaftlichen und der fehlenden Lebensperspektiven auch dort bedrängt, wo sie keiner Gewalt durch Islamisten ausgesetzt sind".

Es sei aufgrund der Verbreitung des Christentums als größter Religion weltweit leicht zu sagen, dass Christen am meisten unter Verfolgung litten, so Haaks weiter. "Aber nicht nur Christen werden wegen ihres Glaubens bedrängt und verfolgt." In Ländern wie Myanmar und China würden Muslime stärker als Christen eingeschränkt, auch Buddhisten und Hindus erlebten Verfolgung. Der Generalsekretär spricht sich dafür aus, das Thema Christenverfolgung "im Kontext der Missachtungen und Verletzungen der Religionsfreiheit und anderer Menschenrechte" zu sehen. Auch die Bedeutung von religiösem Fundamentalismus, der den Glauben der anderen nicht gelten lasse, müsse betrachtet werden. Gegen diesen Fundamentalismus helfe vor allem der Einsatz für religiöse und weltanschauliche Bildung. "Grundlage dafür ist die Erkenntnis, dass Religionsfreiheit als Menschenrecht an die Wahrung anderer Grundrechte wie Bildung und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geknüpft ist", so Haaks.

Das 1832 gegründete Gustav-Adolf-Werk ist das Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland und unterstützt weltweit evangelische Gemeinden. Seit 2010 ist Enno Haaks Generalsekretär des Hilfswerks. Der Pfarrer war zuvor mehrere Jahre Seelsorger der zweisprachigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Santiago de Chile. (fxn)