Jesus, wo wohnst du?
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Jesus, wo wohnst du?

Ausgelegt! - Diese Jünger wollen es ganz genau wissen, sie laufen dem Herrn buchstäblich hinterher. Auch Pater Philipp würde nur zu gerne einen Blick in Jesu Unterkunft werfen. Doch wer die Einladung des Herrn annimmt, muss sich auf einige Überraschungen gefasst machen.

Von P. Philipp König OP |  Frankfurt am Main - 16.01.2021

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Impuls von Pater Philipp König

"Heute Abend besuche ich mich. Mal schauen, ob ich zu Hause bin." Was der bayerische Komiker Karl Valentin hier so humorvoll wie tiefsinnig andeutet, drückt sehr treffend eine Frage aus, die sich viele Menschen – mich eingeschlossen – immer wieder stellen: Bin ich überhaupt bei mir selbst "zu Hause"? Bin ich "angekommen"? Oft überwiegt ja vielmehr der Eindruck, dass ich rastlos umherschweife, mich in allen möglichen Dingen verliere, anstatt in mir selbst zu ruhen…

Vielleicht haben die zwei Jünger im heutigen Evangelium ähnlich empfunden. In ihrem Leben vermissen sie etwas. Sie sind auf der Suche nach etwas, das sie bisher nicht haben finden können. Dabei landen sie bei Jesus. Vielleicht können sie bei ihm endlich zur Ruhe kommen? So fragen sie ihn frei heraus: "Rabbi, wo wohnst du?"

Die Frage der beiden regt meine Fantasie an: Es wäre verlockend, einmal einen Blick in die vier Wände Jesu werfen zu können. Wo und wie hat er wohl gewohnt? Wie mag es bei ihm daheim ausgesehen haben? So spekulativ diese Frage ist – sie lässt mich nicht mehr los. Sagt doch das Zuhause sehr viel über den Menschen aus, der dort wohnt.

Was hat die Männer dazu veranlasst, so zu fragen? Da war zunächst der Hinweis des Täufers: "Seht, das Lamm Gottes!" Johannes verweist von sich weg auf Jesus. Er hält seine Jünger nicht fest in der Bindung an seine Person, sondern er lässt sie ziehen. Damit beweist er Größe! Für mich ist Johannes daher ein wichtiges Beispiel für einen Lehrer und Seelsorger.

Doch da muss noch mehr gewesen sein, weshalb die beiden nicht lockerließen. Immerhin müssen sie richtig aktiv werden, laufen Jesus buchstäblich hinterher, bis er sich schließlich zu ihnen wendet und ganz offen fragt: "Was sucht ihr?" Jesus setzt da nichts einfach als selbstverständlich gegeben voraus, sondern nimmt die Jünger mit ihrem Anliegen sehr ernst! Die Einladung, der er daraufhin ausspricht, wirkt auf mich angenehm unaufdringlich: "Kommt und seht!"

Wahrscheinlich hat Jesus etwas ausgestrahlt, was die beiden Männer für sich und ihr Leben ersehnt hatten: Er war zwar ganz in Bewegung, ruhte aber doch voll in sich. Er wandte sich anderen liebevoll zu und war gleichzeitig zutiefst bei sich zu Hause. Unsere geistliche Tradition hat für diesen Zustand sogar einen eigenen Namen: habitare secum, bei sich wohnen (Gregor der Große, Dialoge II 3,7).

Die beiden Jünger "blieben jenen Tag bei ihm", heißt es am Ende. Sicher stellte sich auch für sie einiges ganz anders heraus, als sie es sich anfangs vorgestellt hatten. Kein gemachtes Nest wartete auf sie, auch keine Sicherheiten. Dafür die Lebensgemeinschaft mit Jesus, den sie mehr und mehr kennenlernten. Die Kreuzesnachfolge, die Weg zur Auferstehung ist.

Es tut gut, noch einmal auf Jesus zu blicken. Das Johannesevangelium nennt uns einige Verse zuvor den "Ort", wo Jesus eigentlich zu Hause ist. Am Ende des Prologs heißt es: Er ruht "am Herzen des Vaters" (Joh 1,18). Das Herz Gottes, das Zentrum seiner Liebe – hier ist Jesus wirklich daheim! Dort kommt er her und dort ist seine "Bleibe". Wer beim Vater wohnt, der findet auch zu sich. Jesus lädt auch uns ein, an dieser innigen Verbindung teilzuhaben. Wir dürfen mit ihm beim Vater sein und dadurch schließlich zu uns selbst finden: "Kommt und seht!"

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 1,35–42)

In jener Zeit stand Johannes wieder dort am Jordan und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister - , wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht!

Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden - das heißt übersetzt: Christus.

Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

Ausgelegt!

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