Schachfigur
Standpunkt

Globale Umbrüche verstehen und gestalten statt geistiger Biedermeier

Papst Franziskus macht Weltpolitik – und in Deutschland schert sich kaum jemand darum. Volker Resing beklagt ein zu stark auf nationale und interne Problemchen zielendes Interesse und fordert eine internationalere Perspektive – auch in der Kirche.

Von Volker Resing |  Bonn - 10.02.2021

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Papst Franziskus schlägt zu. Und keinen interessiert es. Schade eigentlich. Es ging ja nur um die Weltpolitik – und nicht um uns und um unsere innerkirchlichen Probleme. Diese Woche hat das Kirchenoberhaupt beim Jahresempfang der Botschafter beim Heiligen Stuhl im Vatikan sich mit deutlichen, teilweisen scharfen Worten zu zentralen Themen geäußert. Es ging "nur" um Migration und Atomwaffen, um Gerechtigkeit und den globalen Kapitalismus. Der Papst macht (!) Weltpolitik. In Deutschland wird das kaum wahrgenommen. Nichts Neues, mag der ein oder andere denken, doch weit gefehlt. Viele internationale Themen sind für unsere Zukunft wichtiger als manche Debatte, die wir in Deutschland laut und breit führen. Sowohl die Corona-Krise als auch manche innerkirchlichen Skandale werden provinziell oder zu national geführt. Wir haben in Deutschland immer noch viel zu wenig die globale Perspektive drauf.    

Erneut verurteilte Franziskus diese Woche einen "neo-liberalen Kapitalismus". Dieser biete dem Menschenhandel "fruchtbaren Boden", weil er "Märkte dereguliert, um ohne ethische, soziale und ökologische Grenzen Umsätze und Gewinne zu maximieren". Stimmt das? Ist es nicht die soziale Marktwirtschaft, die in Europa seit 70 Jahren Wohlstand und ein hohes Maß an Gerechtigkeit garantiert hat? Aber wie sieht es global aus? Ist es richtig, dass sowohl in China als auch in Lateinamerika marktwirtschaftliche Mechanismen zu weniger Hunger und mehr Wohlergehen geführt haben? Und die Corona-Pandemie? Führt Demokratie und Freiheit zu technologischen Fortschritten, wie die neuartigen Impfstoffe zeigen? Oder können autoritäre Systeme das auch oder besser? Und was bedeutet das dann?

Angesichts der dramatischen Veränderungen der Welt, angesichts von Bedrohung und Unsicherheit, gibt es die Gefahr des ängstlichen Rückzugs, des geistigen Biedermeier. Dann diskutiere ich noch, ob nun Homeschooling unsere Wohlstands-Kinder zu sehr stresst und es einen Karriereknick bedeuten kann, wenn das Abi irgendwie anders abläuft als sonst. Na klar, gibt es bei uns auch: Problemchen! Aber die Veränderung der Welt da draußen, Russland, China, Myanmar und Afrika bleiben oft ausgeblendet. Auch in der Kirche ist es dann oft bequemer, sich mit internen sehr vertrauten Missständen zu beschäftigen, als die globalen Umbrüche aktiv zu verstehen und gestalten.    

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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