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Standpunkt

"Protestantisierung" darf für Katholiken kein Schimpfwort sein

Reformen wollen die katholische Kirche "protestantisieren", obwohl es der evangelischen Kirche nicht besser geht: So oder so ähnlich argumentieren Reformgegner. Doch was zunächst logisch klingt, ist einfach falsch, kommentiert Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 11.02.2021

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Auch bei der jüngsten Online-Konferenz des Synodalen Wegs stand einigen Teilnehmern – zugegeben einer deutlichen Minderheit – die panische Angst vor Reformen ins Gesicht geschrieben. Vor einer möglichen "Protestantisierung" der katholischen Kirche wurde da gewarnt, als handele es sich um eine ansteckende Krankheit inklusive akuter Genderitis und temporärem Zeitgeistbefall. Daraus spricht nicht nur Überheblichkeit in einer Phase, in der die katholische Kirche ebenso stark von sinkenden Kirchenmitgliederzahlen und schwindender gesellschaftlicher Akzeptanz betroffen ist wie die evangelische. Es ist auch ein Zeichen fehlender Wertschätzung der christlichen Geschwister und ein Schlag ins Gesicht für ökumenische Annäherungsversuche.

Die Reformkritiker bleiben sich aber treu in ihrer Argumentation – das gilt für Bischöfe genauso wie für Gläubige in den sozialen Netzwerken. "Die Protestanten haben das doch alles: verheiratete Pfarrer, Gleichberechtigung der Frauen in der Ämterfrage und eine weniger rigide Sexualmoral. Die Austrittszahlen sind dennoch hoch und die Kirchen sind auch leer, sogar leerer als unsere."

Klingt eigentlich ganz logisch – ist aber letztlich doch billige Polemik. Nicht nur, dass diese Ausführungen ein völlig verzerrtes und theologisch schwaches Bild von dem zeichnen, was die katholische Kirche in ihrem Kern ausmacht und sie von der evangelischen Kirche unterscheidet. Wer sie etwa auf den Zölibat oder die Segensverweigerung für Homosexuelle reduziert, wird ihr als "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott" (LG 1,1) nicht annähernd gerecht.

Darüber hinaus gehen die Kritiker aber vor allem von einer völlig falschen Prämisse mit Blick auf die Reformbemühungen des Synodalen Wegs aus. Nicht Austrittsverhinderung und volle Kirchen sind das Ziel der geplanten Reformen. Es geht in erster Linie darum, Missbrauch und seine durch kirchliche Strukturen geförderten Ursachen zu bekämpfen. Es geht dann auch darum, die Hälfte der Menschheit nicht mehr von vornherein aufgrund ihres Geschlechts daran zu hindern, ihrer Berufung zu folgen. Und es geht darum, gleichgeschlechtliche oder nicht-verheiratete Paare mit ihrer Lebensrealität ernst zu nehmen und sie auf konstruktive Weise zu begleiten statt ihnen weltfremde Enthaltsamkeit und Umkehr zu predigen.

Wenn die Kirche all das ernst nimmt und so als vertrauens- und glaubwürdiger Gesprächspartner in das gesellschaftliche Hier und Jetzt zurückkehrt, dann kann auch Evangelisierung wieder gelingen – und Austrittszahlen könnten sinken. Wenn das dann wiederum "Protestantisierung" bedeutet, dann darf es für Katholiken kein Schimpfwort sein, sondern erklärtes Ziel.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.