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Standpunkt

Weihwasserbecken und Friedensgruß müssen Corona überleben

Rosenmontag fällt dieses Jahr aus. Das stimmt Dominik Blum traurig. Schließlich zeige sich im Karneval katholische Sinnlichkeit genauso wie in anderen Gesten, auf die die Gläubigen aktuell verzichten müssen. Sie müssten über die Pandemie gerettet werden.

Von Dominik Blum |  Bonn - 15.02.2021

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Dass heute Rosenmontag ist, könnte man in diesem Jahr leicht vergessen. Kein Straßenkarneval, kein Fasteloovendszoch und das Bier allein zuhause vor der Glotze bei Bläck Fööss aus der Konserve. Das muss auch den Katholiken ins Herz treffen. Eigentlich könnte jetzt auch die Fastenzeit ausfallen. Denn nur wer kräftig feiert, bützt und trinkt, kann anschließend auch ehrlich fasten.

 

Der Kabarettist Konrad Beikircher hat auf diesem Portal in einem Interview zum Zusammenhang von Karneval und Katholischsein gesagt, beides sei "diesseitig, fröhlich, lebensnah und den Mitmenschen zugetan". Ich möchte die karnevalistische Seite des Katholischen mit dem Stichwort ‚sinnlich‘ zusammenfassen: Katholisch sein heißt auch, sinnlich zu sein.

 

Wer übrigens bei Sinnlichkeit zuerst an irgendwas untenrum denkt, ist selbst schuld. Ich denke an Wasser und Öl, Brot und Wein, Weihrauch, Kerzen, Feuer in der Nacht und Musik, Handauflegung und Umarmungen. Auch in der Liturgie, aber nicht nur dort. Sinnlichkeit als Attribut der christlichen Religion und der katholischen Konfession im Besonderen – das lasse ich mir auch durch die schrecklichen Pervertierungen von Nähe und Intimität in den vergangenen Jahrzehnten nicht ausreden.

 

Jetzt haben der Karneval und die katholische Sinnlichkeit einen neuen Feind. Irgendwas mit Corinna. Während aber die Karnevalsjecken bei nächster Gelegenheit "widder bütze, laache un fiere" (wieder Küsschen geben, lachen und feiern) werden, bereiten gerade die Übervorsichtigen und Hygiene-Puritaner unter den Katholiken die Abschaffung wichtiger Symbole der katholischen Sinnlichkeit vor: künftig keine Weihwasserbecken mehr, in die man seine Hand taucht zur Erinnerung an die Erlösung – sondern Automaten mit Fußbedienung, die aussehen wie Desinfektionsspender mit Spülung. Natürlich keine Umarmung beim Friedensgruß, auch kein Handschlag mehr – der Mitchrist ist ja potenziell ansteckend, auch nach Corona. Und der Wunsch nach Mundkommunion, die zwar nicht meine Form, aber doch eine uralte Form sinnlicher Ehrfurcht ist? Hochrisikosituation ...

 

Nein, leev Fastelovendsjecke (liebe Karnevalsfreunde), da geht uns was flöten, auf das ich nicht verzichten möchte. Dass sich jemand beim Bekreuzigen mit Weihwasser mit einer ernsthaften Krankheit infiziert hätte, davon habe ich noch nie gehört. Ich möchte wieder mit dem Priester und der Lektorin aus einem Kelch trinken; ich trinke ja auch mal mit meinen Nachbarn aus einem Schnapsglas. Und ich küsse meine Frau sogar, wenn sie erkältet ist. Da kann ich auch dem alten Mann neben mir beim Friedensgruß die Hand geben. Das Leben ist lebensgefährlich, selbst im Gottesdienst. Aber wir haben mehr zu verlieren als das Leben. Alaaf und Amen.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.