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Standpunkt

Die Welt verliert den Glauben an eine scheinbar heilige Kirche

Heilig und makellos? Das vielfach propagierte Selbstverständnis der Kirche sei besonders unter den aktuellen Umständen unglaubwürdig, kommentiert Werner Kleine. Doch mit der angebrochenen Fastenzeit beginne auch die Zeit für Entscheidungen.

Von Werner Kleine |  Bonn - 17.02.2021

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Aus, Schluss, vorbei! Alles auf Anfang! Der Aschermittwoch ist ein Wendetag. Die Zeit der Umkehr beginnt – und mit ihr die guten Vorsätze für die kommenden Wochen. Dazu gehörte vor nicht allzu langer Zeit das Digitalfasten. In Zeiten der Corona-Pandemie gehört die digitale Kommunikation zur Grundqualifikation in Gesellschaft und Kirche. Da kommt niemand mehr auf solch forsche Fasten-Vorsätze. Wohl aber hört man hier und dort, dass man die Kommunikation an sich verbessern möchte. Hören statt reden ist angesagt. Gehört es nicht immer schon zum Selbstverständnis der Kirche, dass sie eine hörende sei?

Die Phrase vom "Selbstverständnis der Kirche" gehört zu den Buzz-Words der Gegenwart – ohne das es einen Konsens gäbe, was damit genau gemeint sei. Dabei fragt man sich, ob die Kirche als Institution überhaupt ein Verständnis ihrer selbst haben kann. Oder ist "Kirche" hier gar kein Genitivus subjectivus, sondern ein Genitivus objectivus? Wer aber ist dann Subjekt des Selbstverständnisses? Hier fangen die Probleme erst richtig an. Wer legt die Norm fest? Ist damit die "heilige Kirche" aus dem nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis gemeint, deren Makellosigkeit um jeden Preis zu wahren ist? Oder ist diese Heiligkeit gar nicht um ihrer selbst willen da? Auch darüber könnte man streiten. Frühere Bischöfe und andere Verantwortliche in der Kirche scheinen sich da für den Parameter "Makellosigkeit um jeden Preis" entschieden zu haben. Sicher – auch ein Selbstverständnis der Kirche, das eben jene derzeit nicht mehr als des Glaubens würdig erscheinen lässt.

Ich persönlich sehe die Kirche mit der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzil eher als "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (Lumen Gentium 1). In diesem Sinn sakramental ist sie, wenn in ihr das wahrhaft Menschliche widerhallt und "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, [...] auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" sind (Gaudium et Spes 1). Paulus hat das im Bild vom Leib Christi (1 Kor 12,12-27) klar und bildhaft auf den Punkt gebracht: Wenn ein Glied am Leib Christi leidet, leiden alle Glieder mit. Solange von Missbrauch Betroffenen nicht Recht verschafft wird, werden Makel auf der Kirche kleben. Die Welt verliert den Glauben an eine solche um den Schein eigener Heiligkeit bemühten Kirche; vor Gott konnten die Makel nie verborgen bleiben...

Aschermittwoch ist der Tag der Umkehr, eine Zeit, sich auf den zu besinnen, dem man nachzufolgen vorgibt. Der aber sagt: "Wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt" (Mt 5,30). Die Bußzeit beginnt. Entscheidungszeit. Heute!

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.