Streit um Umgang mit Missbrauchspriester in Polen
Vizeregierungschef kritisiert Bischöfe, Mitglied von Kirchenstiftung tritt zurück

Streit um Umgang mit Missbrauchspriester in Polen

"25 Jahre Vertuschung, Täuschung und sogar Lügen" habe es im Fall des mutmaßlichen Missbrauchspriesters Andrzej Dymer gegeben: Dafür kritisiert nun sogar ein ranghohes Mitglied der Nationalkonservativen Regierung Polens die Bischöfe im Land.

Warschau - 18.02.2021

In Polen ist ein Streit um den Umgang der Bischöfe mit Missbrauchstätern und -opfern entbrannt. Polens Vizeregierungschef Jaroslaw Gowin kritisierte die katholische Kirche im Land wegen einer ausgebliebenen Bestrafung eines des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigten Priesters. "Skandal ist eine Untertreibung", schrieb er am Mittwoch auf Twitter. "Entweder stellt die Kirche endlich die Opfer von Sexualstraftätern an die erste Stelle oder sie wird ihre Glaubwürdigkeit verlieren."

Wirtschaftsminister Gowin betonte, er habe selber vor vielen Jahren im Fall des Priesters Andrzej Dymer bei dessen kirchlichen Vorgesetzten interveniert. Seither sei aber "nicht viel" unternommen worden. Das Erzbistum Stettin-Cammin (Szczecin-Kamien) hatte zuvor mitgeteilt, dass Dymer am Dienstag nach einer langen Krebserkrankung im Alter von 58 Jahren gestorben sei. Es ist das erste Mal, dass ein Minister der seit Herbst 2015 in Polen regierenden Nationalkonservativen die Kirche so wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsfällen verurteilt.

Auch innerhalb der Kirche ist der Unmut groß. Polens Primas Erzbischof Wojciech Polak, der auch Kinderschutzbeauftragter der Bischofskonferenz ist, sagte: "Die unerhörte Langwierigkeit der kirchlichen Verfahren im Fall des Pfarrers Andrzej Dymer und das Fehlen einer angemessenen Behandlung der Geschädigten in vielen Stadien dieser Verfahren sind nicht zu rechtfertigen." Er habe sich im Juni mit "zwei geschädigten Personen" getroffen. Es tue ihm leid, dass sich die Erwartungen der Geschädigten nicht erfüllt hätten.

Ein gut 50-jähriger, schlanker Mann, sitzt in einem roten Gewand und mit Mitra auf dem Kopf in einer Kirche.

Der Primas der polnischen Kirche und Erzbischof von Gniezno (Gnesen), Wojciech Polak.

Der Fall Dymer sorgt in Polen seit vielen Jahren für Aufsehen. Der Priester soll bereits Anfang der 90er Jahre vier Jungen eines Erziehungsheims missbraucht haben. Seit 1995 sollen seine Vorgesetzten davon gewusst, Dymer aber gedeckt haben. Ein Sprecher des Erzbistums Danzig sagte der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI, am 12. Februar habe das dortige Kirchengericht ein Urteil verkündet. Es werde jetzt der vatikanischen Glaubenskongregation und dem Erzbistum Stettin-Cammin zugestellt. Das Danziger Gericht wird sein Urteil laut dem Bistumssprecher nicht veröffentlichen.

Mitglied von Kirchenstiftung tritt aus Protest zurück

Aus Protest gegen das Verhalten von Bischöfen gegenüber Missbrauchsüberlebenden trat zudem ein Führungsmitglied der Warschauer Kirchenstiftung für Betroffene sexueller Gewalt zurück. Robert Fidura (53), der als 14-Jähriger von einem Geistlichen missbraucht worden war, gab seinen Sitz im Rat der 2019 von der Bischofskonferenz gegründeten Sankt-Josef-Stiftung auf. Im Interview der polnischen Nachrichtenagentur KAI warf er den Bischöfen "Heuchelei" vor: "Auf der einen Seite spenden sie an die Stiftung, auf der anderen Seite sind ihre Schränke voll mit Leichen."

Auch Fidura verwies auf den Fall Dymer. Da habe es "25 Jahre Vertuschung, Täuschung und sogar Lügen" gegeben. Er betonte, sein Rücktritt hänge nicht mit der Stiftung oder dem Kinderschutzbeauftragten der Bischofskonferenz Polak, sondern "nur mit der Polnischen Bischofskonferenz" zusammen. Polak sei "fast der einzige Gerechte". In seinem Rücktrittsschreiben an den Primas beklagt Fidura, dass der Stettiner Erzbischof Andrzej Dziega, der emeritierte Danziger Erzbischof Slawoj Leszek Glodz und "über 90 Prozent der Bischöfe, ihre Aktivitäten darauf konzentrieren, Untote zu diskreditieren und Hilfe zu torpedieren". Der Journalist Fidura studierte unter anderem zwei Jahre am Priesterseminar in Warschau und unterrichtete 1996/1997 katholische Religion an Schulen

Die Sankt-Josef-Stiftung bietet Betroffenen von sexualisierter Gewalt durch Geistliche Unterstützung durch Psychologen, Pädagogen, Juristen und Priester. Die Pflicht zur finanziellen Entschädigung der Opfer sieht die Bischofskonferenz dagegen nur bei den Tätern. Es gibt daher keinen kirchlichen Entschädigungsfonds. (tmg/KNA)