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Standpunkt

Die Gruppendynamik in kirchlichen Diskussionen birgt große Risiken

Religiöser Glaube habe viel mit Gruppendynamik zu tun, kommentiert Andreas Püttmann. Sein Vorschlag für die Fastenzeit: sich öfter einmal keine Meinung zu leisten, wenn man den Dingen noch nicht auf den Grund gegangen ist.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 22.02.2021

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Schön wär's, wenn die Kirche vom Heiligen Geist regiert würde. Oder wenigstens von menschlicher Vernunft. Oder am besten von beiden, weil "Fides et Ratio" ja harmonieren sollen. Ein Drittes sieht kaum jemand, obwohl es ins Auge springt, etwa im Blick auf US-Christen, die dem amoralischen, selbstsüchtigen, notorischen Lügner Trump verfallen sind: Religiöser Glaube ist in hohem Maße auch gruppendynamischer Prozess – so Renate Köcher schon vor 30 Jahren in Allensbacher Umfrageanalysen. Das focht mich nicht an, denn Jesus selbst lehrte ja: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."

Inspiration in der Gemeinschaft von Gläubigen zeigt jedoch gerade heute ihre Tücken, wo selbstbewusster gewordene Individuen sich mit Gleichgesinnten in eigenen Medien Wahrheitsgewissheit und Wohlgefühl verschaffen. Da akzeptieren früher betont "Papsttreue" plötzlich nicht mehr oder nur mit Ach und Krach die Autorität des Heiligen Vaters, manche sehnen mehr oder weniger offen sein Ende herbei. Wenn sich Franziskus in einer Synode nicht als bewahrender "Fels" erweise, "bräuchten wir einen neuen Papst" (Hubert Windisch). Im Missbrauchsfall ihres Idols Werenfried van Straaten wird ein längst als glaubhaft anerkanntes Opferzeugnis trotzig vom Tisch gewischt. Auch der Pater habe "so lange als unschuldig zu gelten, bis das Gegenteil gerichtlich bewiesen ist"; "Geht es um die Diffamierung der katholischen Kirche?" (Hubert Gindert). Dass Missbrauchstaten selten vor Zeugen und nicht immer seriell geschehen, ficht solches "In Treue fest" nicht an. Versektung korrumpiert den Verstand und verdirbt die Moral, weil sie Korrektive ausschaltet.

Aber auch die Gruppendynamik eines Mainstreams birgt Risiken. Sie verführt leicht zu Bequemlichkeit im Denken. Mehrheit wird zur Evidenzerfahrung, recht zu haben, in der Wahrheit zu sein. Vermeidungsstrategien kognitiver Dissonanz können auch hier Argumente verplumpen, zum Beispiel das Sakramentenverständnis banalisieren, unbekümmert darum, was zig Christengenerationen vor uns heilig war oder Christen woanders noch ist. Misstrauen gegenüber dem Sog von Gruppendynamiken ist vor allem bei Skandalisierung der Fehler solcher Personen angebracht, die man eh "weg" haben will, weil sie kirchenideologisch stören. Dagegen riet mein Staatsrechts-Professor unter Berufung auf Lessing zu der Devise: "Auf wen alle dreinschlagen, der hat vor mir Ruhe".

Wie wäre es, wenn wir in der Fastenzeit mal Verzicht in Selbstgewissheit übten? Wenn wir sensibler würden für Meinungsbestätigungszirkel, die unser Wahrnehmen und Denken zementieren oder radikalisieren? Wenn wir ein Buch läsen, das einer vom anderen "Lager" geschrieben hat? Wenn wir im Kölner Gutachtenstreit unser Urteil über vermutete Vertuschung nach dem 18. März bildeten? Und wenn wir uns öfter mal "keine Meinung" leisteten, weil wir den Dingen noch nicht auf den Grund gegangen sind?

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.