Anwalt Wastl weist Kritik an erstem Kölner Missbrauchsgutachten zurück
Aufträge aus Köln und Aachen seien "identisch" gewesen

Anwalt Wastl weist Kritik an erstem Kölner Missbrauchsgutachten zurück

Wegen "methodischer Mängel" wurde das erste Kölner Missbrauchsgutachten bis heute nicht veröffentlicht. Der federführende Anwalt Ulrich Wastl weist diese Einschätzung zurück – und begründet das mit dem konkreten Auftrag an seine Kanzlei.

Düsseldorf - 23.02.2021

Rechtsanwalt Ulrich Wastl hat die Kritik an dem unveröffentlichten Gutachten über den Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Fällen sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln erneut zurückgewiesen. "Es wäre gut gewesen, mit uns und nicht ausschließlich über uns zu sprechen", sagte er der "Rheinischen Post" (Dienstag) auf die Frage, ob er in den letzten Monaten Gelegenheit hatte, mit Kardinal Rainer Maria Woelki in Kontakt zu treten.

Der Kölner Erzbischof hatte die Untersuchung 2018 bei der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Auftrag gegeben, lässt sie aber nicht wie vorgesehen veröffentlichen. Nach Einbeziehung anderer Juristen kam er zu dem Ergebnis, dass das Papier "methodische Mängel" habe. Woelki beauftragte daher einen neuen Gutachter, der seine Ergebnisse am 18. März vorlegen soll.

Aufträge aus Köln und Aachen "identisch"

Die Aufträge an WSW aus dem Erzbistum Köln und aus dem Bistum Aachen, das das entsprechende Gutachten inzwischen veröffentlicht hat, seien "identisch" gewesen, erläuterte Wastl: "Wir sollten persönliche Verantwortlichkeiten benennen und auf der Grundlage unserer Feststellungen zu den systemischen Defiziten sowie den Verantwortlichkeiten Empfehlungen und Verbesserungsvorschläge unterbreiten." Es liege "auf der Hand, dass die Ausführungen zu systemischen Defiziten sowie unsere Empfehlungen in beiden Gutachten weitestgehend deckungsgleich sein dürften."

Der Auftrag sei es gewesen, nicht nur eine bloße Rechtmäßigkeitskontrolle vorzunehmen, fügte der Jurist hinzu: "Wir sollten ausdrücklich auch prüfen und bewerten, ob und inwieweit das Verhalten etwaig zu benennender Bistumsverantwortlicher, insbesondere in moralischer Hinsicht, angemessen war. Der anzulegende Prüfungsmaßstab war dabei namentlich das kirchliche Selbstverständnis." Diese Bewertungen hätten "oftmals auch eine dementsprechend deutliche Sprache" erfordert.

Rainer Maria Woelki im Portrait

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Eine Strafbarkeit des Verhaltens eines Bistumsverantwortlichen gemäß staatlichem Strafrecht werde "nur in Ausnahmefällen eindeutig bejaht werden können", erklärte Wastl. Im Kirchenrecht könne aber darüber hinaus etwa die Verletzung von Anzeigepflichten gegenüber dem Vatikan als "pflichtwidriges Verhalten" betrachtet werden: "Jeder Bistumsverantwortliche hatte selbstverständlich auch die Pflicht, sich bei der Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs am kirchlichen Selbstverständnis zu orientieren und elementare kirchliche Grundforderungen nicht zu missachten."

Im Vergleich zu anderen Institutionen habe die Kirche "bereits sehr viel im Hinblick auf Prävention geleistet", sagte Wastl weiter: "Teilweise ist auch ein ehrliches Bemühen um rückhaltlose Aufklärung und Aufarbeitung festzustellen." Als Beispiele nannte der Anwalt die Bistümer Limburg, Münster, Essen, Aachen sowie das Erzbistum München und Freising. Zugleich gebe es aber "nach wie vor eine starke Strömung innerhalb der Kirche", die bei der Aufarbeitung "zumindest auf Zeit spielt". Dies sei "nicht mehr vermittelbar", betonte Wastl: "Welche Folgen langwierige und vor allem intransparente Debatten um Missbrauchsgutachten haben, zeigt der Umgang mit unserem Kölner Gutachten." Er sehe es als die einzige Chance der Kirche an, "eine umfassende, offene und ehrliche Aufarbeitung im Dialog mit den Betroffenen zu beginnen". Dieser Dialog werde "für beide Seiten schmerzlich und kann nur gelingen, wenn er transparent und auf Augenhöhe stattfindet", so Wastl.

Kritik von Rörig und Sternberg

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, übte Kritik am Verhalten Woelkis. Mit dem von ihm zuerst beauftragten WSW-Gutachten habe der Kardinal hohe Erwartungen geweckt, sagte Rörig dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Dienstag). "Die hat er dann auf der Strecke mehrfach enttäuscht." Im Moment fehle es an "Transparenz und Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht", so Rörig. "Köln erzeugt gerade leider das Gegenteil: Misstrauen und Skepsis." Ob Vertrauen neu entstehen könne, muss laut Rörig bis zur Vorlage des neuen Gutachtens abgewartet werden. "Danach wird man ja erstens lesen und sich ein Urteil bilden können, ob Kardinal Woelkis Entscheidung sachgerecht war, das Münchner Gutachten nicht zu veröffentlichen", sagte der Beauftragte.

Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, forderte vom Kölner Kardinal mehr Transparenz und Offenheit. "Wenn sich da wirklich in Köln herausstellen sollte, dass da gravierende Fehler gemacht wurden, dann muss auch ein Kardinal Konsequenzen daraus ziehen", sagte Sternberg am Dienstag dem rbb-Inforadio. Der ZdK-Präsident wies darauf hin, dass die Situation im Moment noch so unklar sei, dass er nicht wisse, wie man überhaupt weiterkomme. "Eins ist sicher, ich habe noch nie eine solche Empörung erlebt innerhalb der katholischen Kirche wie das, was gerade im Erzbistum Köln passiert." (tmg/KNA)