Warum die Geduld ein Zeichen für Reife sein kann
Auch das Warten hat seine Qualitäten

Warum die Geduld ein Zeichen für Reife sein kann

Spiritea - Schnelligkeit wird in unserer heutigen Zeit belohnt, egal ob in Beruf oder Privatleben. Doch das Hecheln anhand von elend langen To-Do-Listen ist nicht alles – das beweist ein Märchen von Heinrich Spoerl, in dem es mit der Liebe nicht schnell genug gehen kann.

Von Wolfgang Öxler |  Bonn - 12.04.2021

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In einem Märchen von Heinrich Spoerl wollte einmal ein junger Bauer seine Liebste treffen. Er war ein ungeduldiger Geselle und viel früher als verabredet zum Treffpunkt gekommen. Er verstand sich schlecht aufs Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling, nicht die Pracht der Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt. Da stand plötzlich ein graues Männlein vor ihm und sagte: "Ich weiß, wo dich der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an deine Jacke. Und wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst du nur den Knopf nach rechts zu drehen, und du springst über die Zeit hinweg dahin, wo du willst." Der junge Bauer nahm den Zauberknopf und drehte. Und schon stand die Liebste vor ihm und lachte ihn an. Er drehte abermals und saß mit ihr beim Hochzeitsschmaus. Da sah er seiner jungen Frau in die Augen: "Wenn wir doch schon allein wären …", "Wenn unser neues Haus fertig wäre …" Und er drehte immer wieder. Jetzt fehlten noch die Kinder und er drehte schnell am Knopf.

Immer wieder kam ihm Neues in den Sinn und er konnte es nicht erwarten. Er drehte und drehte, dass das Leben nur so an ihm vorbeisprang, und ehe er sich’s versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett. Und nun merkte er, dass er schlecht gewirtschaftet hatte. Nun, da sein Leben
verrauscht war, erkannte er, dass auch das Warten des Lebens wert ist. Und er wünschte sich die Zeit zurück.

Der Ungeduldige lebt nicht in der Gegenwart

Es ist die Geschichte eines Ungeduldigen, der in seinem Leben nichts mehr verkosten kann. Wer nicht genießt, wird ungenießbar. In Gedanken voraus bleibt das Hier und Jetzt auf der Strecke. Man spricht da heute auch von der "Eilkrankheit". Du kennst sicher diesen Gebetsruf: "Lieber Gott, schenk mir Geduld. Aber SOFORT!" Wusstest du, dass ein durchschnittlicher Arztbesuch nur acht Minuten dauert oder dass es in Tokio ein All-you-can-eat-Lokal gibt, das die Rechnungshöhe allein auf Grundlage der Aufenthaltsdauer bemisst? Je schneller man isst, desto weniger zahlt man.

Geduld kann ein Zeichen von Reife sein

Bist du vielleicht auch genervt, wenn ausgerechnet vor dir die Ampel auf Rot umschaltet oder wenn die Herstellung der Netzwerkverbindung am Computer zu lange dauert? Oftmals gebrauchen Menschen mit der Eilkrankheit die Worte: "Keine Zeit!"

Langmut

Hast du Geduld? Wer keine Geduld hat, wird älter, aber nicht reifer. Geduld schenkt uns geistige Ruhe. Bringen wir Geduld auf, gleicht unser Innenleben eher einem stillen Teich als einem tosenden Strom. Geduld heißt, Angelegenheiten mit dem nötigen Abstand zu betrachten und ruhig zu bleiben.

Es liegt an uns, ob wir uns von unseren Gefühlen mitreißen lassen oder ob wir auch bei stürmischster See unser inneres Gleichgewicht bewahren. Der Apostel Paulus schreibt im Korintherbrief: "Die Liebe ist langmütig." Ein altes, aber ausdruckstarkes Wort für Geduld. Das heißt, wir brauchen über lange Zeit Mut. Und gerade das ist jetzt gefragt! Oder wie es Franz von Sales schreibt: "Was wir brauchen, ist ein Becher voll Verstehen, hunderttausend Liter Liebe und einen Ozean voll Geduld."

Von Wolfgang Öxler

Buchtipp

Dieser Text entstammt dem Buch:

Wolfgang Öxler/Andrea Göppel: "Haltestellen für die Seele. Gedanken für den Weg durchs Leben", Freiburg 2021

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