Zu Unrecht vergessen: Der Komponist und Kirchenmusiker Manfred Kluge
Das Hintergründige hörbar machen

Zu Unrecht vergessen: Der Komponist und Kirchenmusiker Manfred Kluge

Manfred wer? Selbst in der musikalischen Fachwelt gerät der Komponist und evangelische Kirchenmusiker Manfred Kluge nur 50 Jahre nach seinem Tod zunehmend in Vergessenheit. Zu Unrecht - denn er fand seinen ganz eigenen Stil und etablierte sich als Exot.

Von Guido Krawinkel (KNA) |  Bonn - 27.02.2021

Am Ende hielt Manfred Kluge es wohl nicht mehr aus. Am 21. Januar 1971 war im Lübecker Dom noch sein letztes großes Werk uraufgeführt worden: das Oratorium "Palinodien" auf Texte aus dem Hohelied Salomons und von Friedrich Hölderlin. Dennoch fühlte Kluge sich stets unverstanden, haderte mit vielen – auch politischen – Entwicklungen seiner Zeit und legte so hohe Maßstäbe an sich selbst an, dass er daran zerbrach.

Am 27. Februar 1971 setzte der Komponist und Lübecker Organist seinem Leben selbst ein Ende – mit 43 Jahren, mutmaßlich im Zusammenhang mit einer schweren Depression. Ein tragisches Ende für einen Musiker, der es wie kein zweiter seiner Generation verstand, die protestantische Musiktradition mit der theologisch durchdrungenen katholischen Mystik eines Olivier Messiaen zu einem höchst individuellen Stil zu verbinden.

Geboren wurde Kluge am 16. Juli 1928 in Unna. Durch seine Eltern, beide Musiker, erhielt er als erstes von drei Kindern schon früh eine intensive musikalische Ausbildung. Erste kompositorische Versuche unternahm Kluge mit neun Jahren. Nach dem Krieg, zu dem er zwangsweise mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde, und dem Abitur studierte Kluge in Detmold und Lübeck, unter anderem bei so renommierten Lehrern wie Kurt Thomas (Chorleitung) und Hans Klotz (Orgel).

Als Exot bekannt

Verheiratet mit der Pianistin und Cembalistin Nora von Hase, wirkte Kluge nach seinem Kirchenmusik-Examen 1953 zunächst in Hamburg, ab 1957 an St. Aegidien in Lübeck. Dort amtierte er als Kantor bis 1968, als er an die Kirche St. Jakobi berufen wurde. Zwar wurde er dort geschätzt, war aber auch als Exot bekannt, der sich im Gegensatz zur damaligen Lübecker Tradition vor allem mit der Musik von Olivier Messiaen und Igor Strawinsky beschäftigte, allzu radikalen musikalischen Neuerungen wie der Atonalität jedoch ablehnend gegenüberstand.

Musikgeschichtlich betrachtet war der Weg Kluges ebenso traditionsverbunden wie einzigartig

Ab 1953 machte sich Kluge zusehends auch als Komponist einen Namen. Bekannt wurde er vor allem durch die "Fantasie in drei Rhythmen" für Orgel (1956), das Johanneskonzert für Chor (1954) und die Messe "Maienzeit" (1957). Durch die Erfindung eines eigenen Tonsystems versuchte er den klassischen Gegensatz zwischen Dur und Moll sowie den sogenannten Kirchentonarten aufzuheben und sie alle in einem eigenen, dem sogenannten Triskaidekatonischen Tonsystem zu vereinen.

Besonders die Verbindung zu französischer Orgelmusik und hier insbesondere zu Komponisten wie Messiaen, Cesar Franck oder Jehan Alain geben dem Schaffen des protestantischen Kirchenmusikers Kluge einen zuweilen sehr katholischen Anstrich. Indizien dafür sind nicht nur musikalische Details. Auch die Tatsache, dass wie bei Messiaen allen Chor- und Orgelwerken Kluges ein explizites theologisches Programm zugrunde liegt, macht die geistliche Intention des Komponisten deutlich. Hinzu kommt, dass Kluges Affinität zum Katholizismus auch familiär bedingt war: Der Vater, ein studierter Kirchenmusiker, war zunächst katholisch und konvertierte erst spät zum Protestantismus.

Affinität zum Katholizismus

Musikgeschichtlich betrachtet war der Weg Kluges damit ebenso traditionsverbunden wie einzigartig. Er war stets bestrebt, den "Fortgang ins Offene", wie er es selbst einmal ausgedrückt hat, immer wieder aufs Neue zu suchen. "Es war ihm gegeben, das Hintergründige der Musik hörbar zu machen", schrieb denn auch der Lübecker Organist Herbert Breuer 1971 in einem Nachruf.

Ein Detail zeigt jedoch, wie Kluge trotz seines Status' als seinerzeit verheißungsvoller Komponist schon relativ kurze Zeit nach seinem Tod der Vergessenheit anheim zu fallen droht: Aus der neuen, 2008 vollendeten Ausgabe der "Musik in Geschichte und Gegenwart" – so der Titel des wohl bedeutendsten deutschsprachigen Musiklexikons mit über 20.000 Artikeln zu Sachthemen und Musikern – wurde sein Eintrag gestrichen. In der ersten, 1987 abgeschlossenen Ausgabe war er noch verzeichnet gewesen.

Auch deshalb ist es an der Zeit, sich wieder an Manfred Kluge zu erinnern. In der individuellen Verbindung von musikalischem Erbe, theologischer Durchdringung und kompositorischer Innovation ist sein Werk einzigartig.

Von Guido Krawinkel (KNA)