Selfcare – ein Balanceakt in der Corona-Zeit
Oft fehlt etwas im Alltag

Selfcare – ein Balanceakt in der Corona-Zeit

Spiritea - Die Corona-Zeit bedeutet: Viel alleine sein, möglichst wenig Kontakte. Für den Einzelnen heißt das oft Enge und Getriebenheit – wie kann man unter diesen Umständen sich selbst im Gleichgewicht halten? Schwester Jakoba Zöll hat eine besondere Form der Selfcare für sich gefunden.

Von Schwester Jakoba Zöll |  Bonn - 08.03.2021

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Wie kann man heute in einer schnelllebigen, bunten, lauten, fordernden Gesellschaft, zwischen allen inneren und äußeren Ansprüchen innere Ruhe und Kraft schöpfen? Diese Frage begegnet mir in der Corona-Zeit noch häufiger als sonst. Wir fühlen uns ausgelaugt von immer neuen auf uns einprasselnden Erwartungen und Herausforderungen: Im Beruf, den Medien, der Politik und der Gesellschaft. Wir sehnen uns nach innerer Stärke, Ruhe und Standfestigkeit – wollen wir mehr Zeit mit und für uns verbringen. Selfcare kann ein Ausweg sein.

Was ist deine ganz persönliche Spielart von Selfcare? Beautyabend, richtig schönes Essen, Film schauen oder Buch lesen? Oder ein Social-Media-Detox? Was sind Dinge, von denen du weißt, dass sie dir selbst richtig guttun? Ich persönlich genieße die Zeit ganz alleine sehr. Einen langen Abend oder einen Samstag ganz ohne meine Mitschwestern und Telefonate mit Familie und Freunden. Stattdessen viel Zeit für einen guten Krimi, ein schon lange auf mich wartendes Bastelprojekt oder einen schönen Film. So ein Abend lässt mich wieder bei mir selbst ankommen, weckt und "füttert" die Seiten in mir, die im Alltagstrubel schneller untergehen, gibt Gedanken und Gefühlen den Raum, den sie verdienen, aber in Arbeit und Routine selten haben dürfen. Kennst du das auch? Ich hoffe sehr!

Verrückte Erfahrung

Und dann kommt die verrückte Erfahrung: Obwohl ein solcher Abend so viel Gutes bringt, mir so guttut und den Alltag ausgleicht – fehlt etwas. Das Gefühl kenne ich besonders aus den Hochzeiten meines Studiums oder eben auch aus den letzten Lockdown-Monaten: Der Wechsel zwischen Alltagsstress (sei das nun das Für-Klausuren-wie-eine-Wahnsinnige-lernen oder das nie enden wollende Homeoffice mit intensivem Zusammenleben im Lockdown) und Selfcare-Abenden/Tagen mit wunderbaren Büchern, Essen, Filmen, Zeit für mich bringt mich nicht ins Gleichgewicht. Die Bücher und das Essen bleiben wunderbar, und auch mein Berufsleben an der Uni möchte ich in seiner Intensität nicht missen – aber meine Gelingendes-Leben-Waage scheint irgendwie mehr als eine Schale zu haben, mehr als die Für-Mich-Ebene. Ich brauche mehr, etwas anderes zum Glücklichsein als mich in meinem Beruf zu profilieren und gute Bücher zu lesen (das ist nun überspitzt gesagt, beides liebe ich und brauche ich genauso zum glücklich sein!). Denn sowohl mein Studium wie der Lockdown haben eines gemeinsam: Mein Tun, mein Alltag wurde in beiden Zeiten klein und eng, nur fokussiert auf Arbeit und "Erholung". Als temporäre Phase will ich das im Studium nicht missen, auf den Lockdown können wir alle gern verzichten. Aber beides hat mir deutlich gezeigt, dass ich mehr brauche.

Trotz Corona-Regeln: Gemeinschaft ist zentral für das menschliche Leben

Und was? Gute Frage. Wie kann man den eigenen Glückspuzzleteilen auf die Schliche kommen? Für mich war hier eine wichtige Frage die nach dem Mangel und meiner Sehnsucht. Wann war ich in meinem Leben richtig glücklich – und was ich da anders gemacht als jetzt? Es haben sich für mich zwei weitere Elemente, zwei weitere Waagschalen herauskristallisiert: Das Tun für Andere und Raum für Spiritualität. Ohne Engagement für andere Menschen, ob mir Zeit nehmen für Freunde, Familie, Mitschwestern, Mithelfen in sozialen Einrichtungen, mich in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einbringen oder, oder, oder – ist mein Leben, ganz persönlich für mich, kein gelungenes Leben, fehlt für mich immer ein großes Stück zum glücklich sein. Gleiches kann ich auch über Spiritualität sagen.

Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe

Im Matthäusevangelium heißt es: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Mt 22,37-39). Das antwortet Jesus seinen ZuhörerInnen auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot im Leben. Es ist der Dreiklang aus Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe. Selbstliebe verstanden als Zeit für mich, als Möglichkeiten meine Talente und Fähigkeiten einzusetzen und meinen Interessen nachzugehen. Genau so sehr aber auch die Nächstenliebe, verstanden als das Tun für Andere, im Pflegen meiner Beziehungen mit Familie und Freunden, im Engagement für Menschen, die meine Hilfe brauchen und im Einbringen in unsere Gesellschaft. Und wieder genau so sehr die Gottesliebe, verstanden als Raum in meinem Leben für Spiritualität, für Reflexion über die großen Lebensfragen. Jesus sagt, dass ich alle drei Ebenen im Blick behalten muss.

Deshalb passt für mich der Begriff Selfcare nicht allein für stille Abende mit guten Büchern. Selfcare ist für mich das Ausbalancieren meiner drei Waagschalen. Nur wenn sie einigermaßen im Gleichgewicht sind, geht es mir gut. Mich um dieses Gleichgewicht immer wieder neu zu bemühen, im Großen wie im Kleinen, ist meine ganz persönliche Self-Care.

Von Schwester Jakoba Zöll

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