Kirchenrechtler sieht in Buch über Benedikt XVI. zahlreiche Fehler
"Nur die Wahrheit rettet" war am Montag erschienen

Kirchenrechtler sieht in Buch über Benedikt XVI. zahlreiche Fehler

Es gelinge den Autoren nicht, die Zusammenhänge korrekt herzustellen: Der Kirchenrechtler Markus Graulich äußert deutliche Kritik am neuen Buch "Nur die Wahrheit rettet" über den kirchlichen Missbrauchsskandal und die Rolle Benedikts XVI.

Würzburg - 04.03.2021

Der Kirchenrechtler Markus Graulich hat zentrale Aussagen des neuen Buchs "Nur die Wahrheit rettet" über den kirchlichen Missbrauchsskandal und die Rolle von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als fehlerhaft zurückgewiesen. Da die Autoren Doris Reisinger und Christoph Röhl keinen Zugang zu den vatikanischen Archiven gehabt hätten und die ihnen bekannten Dokumente in einer Art und Weise auslegten, die ihre Grundthese belegen solle, gelinge es ihnen nicht, die Zusammenhänge korrekt herzustellen, sagte Graulich, der als Untersekretär im Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte tätig ist, in einem Interview der Wochenzeitung "Die Tagespost" (Donnerstag).

Unter anderem wies Graulich die Behauptung der Autoren zurück, Ratzinger habe sich 2005 erstmals öffentlich zum Missbrauch in der Kirche geäußert. "Kardinal Ratzinger hat sich schon vor dem Jahr 2005, sei es bei öffentlichen, sei es bei internen Treffen, zum Missbrauch geäußert. Wenn er darauf verzichtet hat, diesen Aussagen eine noch größere Öffentlichkeit zu geben, ist das auch der Tatsache geschuldet, dass die Bewusstwerdung der Missbrauchsverbrechen in der Kirche ungleichzeitig verlief", so Graulich. In den USA und Irland sei dieses Bewusstsein schon Ende der 1980er Jahre, spätestens in den 1990er Jahren dagewesen, in Deutschland in der breiten Masse aber erst nach 2010. "Hätte sich Kardinal Ratzinger damals einer größeren Öffentlichkeit gegenüber geäußert, wäre er vermutlich von einigen gar nicht verstanden worden", sagte der Prälat.

Debatte um Umgang mit Skandal bei den "Legionären Christi"

Mit Blick auf die Kritik der Autoren an Ratzingers vermeintlich zu nachsichtigem Umgang mit dem Missbrauchsskandal um den Gründer der "Legionäre Christi", Marcial Maciel Degollado, betonte Graulich: "Der Präfekt der Glaubenskongregation ist kein Despot, dessen Wille Gesetz ist." Wenn die Autoren Ratzinger, der die Glaubenskongregation von 1982 bis 2005 geleitet hatte, durchgängig mit der Kongregation gleichsetzten, unterlaufe ihnen "ein weiterer kapitaler Fehler". Die Ergebnisse der Kongregation würden von vielen Beratungen und langwierigen Prozessen bestimmt, in denen viele mitredeten. Hinzu komme, dass Entscheidungen in wichtigen Fällen dem Papst vorgelegt werden müssten. "Offensichtlich ist Kardinal Ratzinger im Hinblick auf P. Maciel auf Widerstand gestoßen und konnte erst spät den Kirchenanwalt zur Untersuchung schicken", sagte Graulich.

Ratzinger habe in dem Fall nicht Gnade vor Recht ergehen lassen, sondern habe getan, was in der Situation möglich gewesen sei, so der Prälat. Und auch da habe es noch Widerstände gegeben. "Die Vorbereitung eines kanonischen Strafprozesses hätte lange gedauert und vermutlich hätte Maciel dessen Eröffnung nicht mehr erlebt. Die Anwendung des Rechts ist auch immer von  dem Grundsatz geprägt: tun, was möglich ist", betonte Graulich.

Graulich: Früher in der Kirche wenig Verständnis für Strafrecht

Zugleich räumte der Kirchenrechtler ein, dass das kirchliche Strafrecht in der Vergangenheit eigentlich darauf ausgelegt gewesen sei, nicht angewendet zu werden: "In der 'Liebeskirche', wie sie nach dem 2. Vatikanischen Konzil verstanden wurde – eine Kirche, die nicht mehr straft, dagegen fast ausschließlich von Barmherzigkeit spricht – hatte man für das Recht allgemein wenig Verständnis und schon gar nicht für das Strafrecht." Entsprechend dieser Logik habe es Engführungen gegeben. So sei der Strafprozess sehr stark auf den Schutz des Beschuldigten ausgerichtet gewesen. Dies habe sich in den vergangenen Jahren jedoch "glücklicherweise" geändert.

Das Buch "Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger" war am Montag im Piper Verlag erschienen. Die beiden Autoren ziehen darin eine vernichtende Bilanz von Joseph Ratzingers/Benedikt XVI. Umgang mit der kirchlichen Missbrauchskrise. Seine Versuche, Missbrauchstäter konsequenter zu verfolgen und zu bestrafen, kamen aus Sicht der Autoren viel zu spät und waren unzureichend. Außerdem sei es ihm dabei nicht um die Opfer gegangen, sondern um die Rettung der Kirche. Ferner werfen Reisinger und Röhl Benedikt vor, die neuen geistlichen Bewegungen, in denen es zahlreiche Fälle von sexuellem oder geistlichem Missbrauch gab, lange unkritisch gefördert zu haben. (stz)