Schachfigur
Standpunkt

Was wir von der Papstreise in den Irak lernen können

Was bleibt von der Papstreise in den Irak? Pater Stefan Kiechle glaubt, dass Franziskus durch sein Vorbild den Horizont der westlichen Christenheit weiten konnte – weg von innerkirchlichen Reformen hin zum Gebet.

Von Stefan Kiechle SJ |  Bonn - 09.03.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Vor der Irak-Reise von Papst Franziskus sagten seine Kritiker: Die Sicherheitslage im Irak ist zu angespannt, das Risiko dieser Reise sei zu groß. Außerdem darf in Corona-Zeiten sonst niemand reisen: Er nimmt sich ein Privileg heraus und gefährdet mit Massenveranstaltungen auch noch die Gesundheit vieler. Schließlich solle er sich nicht mit Schiiten-Führern treffen, denn noch immer töten Schiiten Christen.

Was war dem Papst so wichtig, dass er mutig diese Einwände hintanstellte? Er setzte ein Zeichen der Solidarität und der Ermutigung für die Christen in diesem Land, das die Wiege der drei großen abrahamitischen Religionen ist. Er traf Großajatollah al-Sistani, eine moralische Autorität im Lande, und bekräftigte mit ihm den Weg zu Toleranz und Friede. In Mossul, der einstigen IS-Hochburg, betete er ein eindrückliches Kyrie eleison für die Opfer von Krieg und Gewalt – für Moslems, Jesiden und Christen –, und er mahnte, es sei nicht erlaubt, im Namen Gottes zu töten, Krieg zu führen oder zu hassen. In Ur, einem zentralen Ort irakischer Identität, rief er Vertreter aller Religionen auf, dem Hass entgegenzutreten – weil alle Menschen Geschwister und Kinder Gottes sind.

Vielleicht sind dem Papst ja innerkirchliche Strukturreformen – uns Deutschen zurecht wichtig, aber weltgeschichtlich doch eher marginal – einfach weniger bedeutsam als diese existentiellen Anliegen bedrohter Völker und Kulturen: Er fördert Frieden, Gerechtigkeit und Toleranz, er will Abkehr von Hass und Gewalt, es geht ihm um kulturelle und religiöse Wurzeln, im Letzten um Leben und Tod. Und der Papst betet – ist unserem westlichen Christentum das Gebet schon unwichtig geworden? In all dem ist Papst Franziskus ganz und gar seiner argentinischen und jesuitischen Herkunft treu, und er kämpft, aus seinem Innersten heraus und gegen alle Widerstände, für das Leben und für Gottes Reich. Kann er damit unseren Horizont weiten?

Von Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.