Kirchengemeinde mit neuer Bestuhlung
Liturgiker Linnenborn über Pandemie-Folgen und Konkurrenz durch neue Rituale

Sonntagsgottesdienst nach Corona: "Hoffe, dass die Sehnsucht wächst"

Neue Rituale und speziell Corona entwöhnen die Menschen zunehmend vom Sonntagsgottesdienst. Was kann die Kirche dagegen tun? Und wie bekommt sie die Gläubigen nach der Pandemie wieder in die Gotteshäuser? Ein katholisch.de-Interview mit Marius Linnenborn, Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Trier - 13.03.2021

Ausgerechnet zu seinem 1.700-jährigen Jubiläum erlebt der Sonntag eine große Krise – zumindest aus christlicher Sicht: Corona-Einschränkungen haben den Gang zur Gemeindemesse derart verkompliziert, dass viele Gläubige lieber auf digitale Alternativen zurückgreifen. Doch diese könnten eine Sache nicht vermitteln, die für den Sonntagsgottesdienst entscheidend ist, betont Marius Linnenborn: das Gemeinschaftsgefühl der versammelten Gemeinde. Allerdings weist der Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts auch darauf hin, dass man sich generell Gedanken machen muss, wie man als Gemeinde Gottesdienst feiern will – auch, um eventuell wieder mehr Menschen anzuziehen.

Frage: Herr Linnenborn, die Sonntagsrituale haben sich verändert: Ausschlafen, Brunchen, und ein Ausflug stehen dabei auch bei vielen katholischen Familien eher im Kurs als der Besuch des Sonntagsgottesdiensts. Wie kann die Kirche dagegen ankommen?

Linnenborn: Diese neuen "Sonntagsrituale" vollzieht man in der Regel allein oder im kleinen Kreis, um Zeit für sich oder die Familie zu haben. Aber gerade das christliche Sonntagsritual, der Gottesdienst, lässt Menschen die größere Gemeinschaft erfahren – sowohl vor Ort als auch mit anderen Christen, die am gleichen Tag zur Feier zusammenkommen. Natürlich muss der Gottesdienst einen Mehrwert für die Menschen haben. Es kommt auf die Qualität der Feier an: Einerseits muss das Leben der Menschen darin vorkommen. Andererseits sollte die Feier wirklich zu einer Gotteserfahrung werden können.

Frage: Wie lässt sich sicherstellen, dass sich die Menschen im Gottesdienst wiederfinden?

Linnenborn: Bei der Qualität der Gottesdienste ist sicher noch Luft nach oben. Da ist manches oft zu routiniert. Wenn das Wort Gottes wirklich gut vorgetragen und verkündet wird, dann lässt das schon aufhorchen. Wenn man bei den Fürbitten wirklich spürt, dass die Gemeinde zum Beten für Menschen in Not eingeladen ist, dann kommen auch die Menschen selbst darin vor. Es ist natürlich ein gewisser Spagat, aber ein Sonntagsgottesdienst in einer gewöhnlichen Pfarrei muss ein Gottesdienst für alle sein.

Frage: Früher gab es sonntags eine Frühmesse, ein Hochamt, einen Familiengottesdienst und so weiter. Es war sozusagen für jeden "Geschmack" etwas dabei. Aufgrund von Priestermangel und zunehmender Pfarreiengröße gibt es diese Vielschichtigkeit heutzutage nicht mehr, sondern meistens nur einen Gemeindegottesdienst. Inwiefern macht das die Aufgabe schwieriger?

Linnenborn: Selbstverständlich ist die Gestaltung herausfordernder. Aber ich sehe es als Gewinn an, wenn sich die Gläubigen wirklich als eine versammelte Gemeinde erfahren, von den Kindern bis zu den Senioren. Es soll natürlich auch unterschiedliche Gestaltungsformen für bestimmte Zielgruppen geben – aber das vielleicht weniger am Sonntag. Der sonntägliche Gottesdienst soll die Gemeinde zusammenführen. Gleichzeitig muss man auch beachten, was vor Ort angebracht und den Menschen wichtig ist. Es braucht gewiss auch zeitlich eine größere Bandbreite und nicht nur die Beschränkung auf den Termin um 10 Uhr morgens. Da ist eine größere Offenheit nötig.

Bild: © Bistum Essen

Marius Linnenborn ist seit 2016 Leiter des Liturgisches Instituts in Trier. Davor hat der Essener Diözesanpriester unter anderem Liturgiewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster und an der Musikhochschule Köln gelehrt.

Frage: Wie kann man den Menschen heutzutage die Bedeutung des Sonntags für die Christen erklären?

Linnenborn: Der Sonntag gehört schon seit der biblischen Zeit zum Grundbestand des christlichen Glaubens. Die Apostel kamen am "achten Tag" zusammen und haben den Auferstandenen in ihrer Mitte erfahren. Das war sozusagen der erste Sonntag. Auch heute begegnen wir am Sonntag Jesus Christus – und zwar in der Verkündigung des Wortes Gottes und in der Feier der Eucharistie. Das ist nicht einfach nur ein Angebot der Kirche neben anderen, sondern ein Grundauftrag, aus dem sie lebt. Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils spricht vom Sonntag als Ur-Feiertag, Fundament und Kern des ganzen liturgischen Jahres. Darüber hinaus sagt die Liturgiekonstitution auch, dass der Sonntag ein Tag der Freude und der Muße ist – für alle Menschen. Wie lebendig die Kirche ist, zeigt sich ganz wesentlich im sonntäglichen Gottesdienst. Natürlich nicht allein, aber er ist ein unverzichtbarer Bestandteil.

Frage: Wenn man den Gottesdienstbesuch als Maßstab für die Vitalität der Kirche nimmt, ist es allerdings nicht sehr gut um sie bestellt…

Linnenborn: Sicherlich hat der Sonntagsgottesdienst an Bedeutung eingebüßt. Allerdings muss man ehrlicherweise auch sagen, dass die Bedeutung höher ist, als es die beiden offiziellen Zählsonntage zum Ausdruck bringen. Ich war 20 Jahre lang in Pfarreien im Bistum Essen tätig: Viele Menschen gehen aus verschiedenen Gründen zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche, aber doch regelmäßig. Wenn man die dazuzählt, ist die Zahl der Menschen, die eine feste Verbindung mit dem Gottesdienst haben, wahrscheinlich doch größer – ohne sich damit etwas vorzugaukeln. Denn realistischerweise müssen wir uns eingestehen, dass die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher deutlich kleiner geworden ist und wohl auch weiterhin noch kleiner wird.

Frage: Einige Bischöfe haben ihre Sorgen bereits bekundet: Sorgt der lange Ausfall von Gottesdiensten sowie die anhaltenden Einschränkungen der Feier durch die Corona-Pandemie dafür, dass sich die Gläubigen noch mehr vom Sonntagsgottesdienst "entwöhnen"?

Linnenborn: Damit muss man zumindest rechnen. Aber vielleicht bieten gerade die Erfahrungen der Corona-Zeit eine besondere Chance in dieser Hinsicht. Aktuell können die Menschen nur sehr wenig gemeinsam tun oder nur in ganz kleinen Gruppen zusammenkommen. Das Besondere des Gottesdienstes am Sonntag ist ja gerade, dass Menschen eine größere Gemeinschaft erfahren. Manche haben in den letzten Monaten die digitalen Formen schätzen gelernt. Diese bieten sicher die Möglichkeit, Menschen an verschiedenen Orten zu verbinden, sind aber gerade im Hinblick auf den Sonntagsgottesdienst kein gleichwertiger Ersatz. Die volle sakramentale Teilnahme ist online nicht möglich. Ein digitaler Gottesdienst bietet immer nur eine vermittelte Erfahrung. Im Sonntagsgottesdienst ist es ja häufig so, dass Menschen, die an einem bestimmten Ort zusammenleben, ihre Gemeinschaft auch im Gottesdienst erleben. Da sollten auch die Lebenszusammenhänge, die sie im Alltag verbinden, vorkommen. Das ist kaum gegeben, wenn man sich mit Menschen aus einem anderen Teil des Landes oder gar einem anderen Teil der Welt vernetzt.

Ein Smartphone filmt die Predigt eines Priesters am Ambo.

"Im Sonntagsgottesdienst ist es ja häufig so, dass Menschen, die an einem bestimmten Ort zusammenleben, ihre Gemeinschaft auch im Gottesdienst erleben. Da sollten auch die Lebenszusammenhänge, die sie im Alltag verbinden, vorkommen." Bei einem digitalen Gottesdienst könne man das nicht transportieren, betont Marius Linnenborn.

Frage: Wie kann man Gläubige gerade nach Corona wieder zur "physischen" Rückkehr in die Gottesdienste bewegen?

Linnenborn: Wenn es ein Patentrezept gäbe, würde wir das natürlich anwenden (lacht). In den USA gibt es tatsächlich solche Überlegungen, ein Projekt "Back to Church". Die Pfarreien sollen damit ermutigt werden, neue Wege des Einladens zum Gottesdienst zu gehen. Bei uns wird sicher auch auf allen Ebenen darüber nachgedacht. Viele Menschen fühlen sich aktuell sehr eingeschränkt, was ich sehr gut verstehen kann. Wenn es im Laufe des Jahres hoffentlich wieder möglich ist, ohne Maske am Gottesdienst teilzunehmen und gemeinsam zu singen, wenn es möglich ist, in voller Zeichenhaftigkeit und mit allem, was dazugehört, Liturgie zu feiern, dann hoffe ich, dass die Sehnsucht der Menschen nach der analogen Feier auch wieder wächst. Aber dafür wird manche Anstrengung nötig sein.

Frage: Viele vermissen im Moment besonders das Singen im Gottesdienst. Warum ist gerade die Musik so wichtig für die Feier?

Linnenborn: Die Musik und das Singen sind eine ganz grundlegende Form der tätigen Teilnahme, bei der wir uns wirklich leiblich als ganze Menschen erfahren können. Der Mensch selbst ist das Instrument, der ganze Körper wird zum Klangraum. Wie sehr uns das fehlt, merken wir jetzt gerade in der Corona-Pandemie. Singen ist nicht nur eine Gemeinschaftserfahrung, sondern auch eine Erfahrung der Gegenwart Gottes: Die Musik und das Singen erheben uns zu Gott und lassen uns seine Schönheit erfahren.

Frage: Von verschiedenen Seiten steht der Sonntag als grundsätzlicher Ruhetag immer wieder zur Disposition. Welche gesamtgesellschaftliche Relevanz hat er noch?

Linnenborn: Ich glaube, die allermeisten Menschen sind froh, dass es diesen Tag gibt – als freien Tag, der alle verbindet. Natürlich sind wir dankbar für die Menschen, die an diesem Tag für uns arbeiten. Aber es ist ein großes Geschenk, dass die meisten Menschen einen Tag grundsätzlich zur freien Verfügung haben – auch wenn sie es nicht dazu nutzen, um zum Gottesdienst zu gehen. Als Kaiser Konstantin ihn vor 1.700 Jahren eingeführt hat, nahm er in dem Dekret keinen Bezug auf die Christen. Seine Entscheidung war wohl auch gesellschaftsstabilisierend und machtpolitisch motiviert. Es war nicht nur ein Tag, den er den Christen geschenkt hat, viele konnten sich darin wiederfinden. Ich denke schon, dass das heute auch noch der Fall ist. Der Sonntag ist ein Grundbestand unseres Miteinanders und unserer Kultur. Albert Schweitzer sagte einmal: "Wenn die Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie." Da ist sehr viel dran.

Von Matthias Altmann

Hinweis: Ökumenischer Liedwettbewerb "1.700 Jahre Sonntag"

Anlässlich des 1.700-Jahre-Jubiläums des Sonntags als wöchentlicher Feiertag hat das Deutsche Liturgische Institut in Trier gemeinsam mit dem Gottesdienst-Institut der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern einen Liedwettbewerb ausgeschrieben. Vorgabe ist es, ein Lied zu komponieren, dessen Inhalt um die Feier des Sonntags als Tag der Auferstehung Christi kreist. Zudem soll die Relevanz des Sonntags für den Menschen von heute aufscheinen. Das Lied soll sowohl im katholischen als auch im evangelischen Sonntagsgottesdienst gesungen werden können. Ein musikalischer Stil ist nicht vorgegeben. Einsendeschluss ist der 30. April 2021.