Homosexuelles Paar in einer Kapelle
Ein Gastbeitrag des Bochumer Pastoraltheologen Matthias Sellmann

Nach dem Segnungsverbot aus Rom: Wir lassen uns nicht spalten!

Debatte - Das Nein der vatikanischen Glaubenskongregation zu einer Segnung homosexueller Paare hat besonders in Deutschland heftige Kritik ausgelöst. Nach Ansicht des Theologen Matthias Sellmann lässt der Vatikan mit seiner Entscheidung sowohl Bischöfe als auch Gläubige im Stich. Ein Kommentar.

Von Matthias Sellmann |  Bochum - 21.03.2021

Seit einigen Tagen hat uns das Winterhoch namens "Margarethe" fest im Griff. Eisige Temperaturen herrschen da, wo eigentlich Frühling angesagt wäre.

Metaphorisch ausdrucksstark lässt sich diese meteorologische Situation auf den klimatischen Tiefpunkt beziehen, an dem die kirchlichen Beziehungen zwischen dem Vatikan und der deutschen Ortskirche angekommen sind. Die Erklärung der vorigen Woche mit dem Verbot von Segnungen homosexueller Partnerschaften hat die diplomatische Temperatur noch einmal um etliche Grade in den Keller sinken lassen.

Wissen die Akteure in Rom und wissen die sofort aufspringenden Claqueure eigentlich, was sie da anrichten? Wissen sie, dass sie den Segen Gottes zu ihrem Selbsterhalt instrumentalisieren? Wissen Sie, dass Verbote nur dann etwas Positives bewirken, wenn das Gegenüber sich dabei gesehen und geachtet fühlen kann?

Die Glaubenskongregation lässt besonders die deutschen Bischöfe in einzigartiger Weise im Stich. Man muss es so hart sagen. Das jüngste Papier reiht sich wie auf einer Perlenschnur unheilvoller Erklärungen auf. Sie alle haben den Zweck, die deutschen Bischöfe in die Enge zu treiben. Man liest sie als Voten des Misstrauens und der Missbilligung. Der Synodale Weg soll diskreditiert, die Reformgegner sollen gestärkt, die Autorität Roms soll neu etabliert werden.

Matthias Sellmann ist Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap) und Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Wegs.

Solches Vorgehen erhöht schuldhaft die Gefahr einer Beschädigung der gesamten katholischen Kirche. Die vor Spaltung warnen, machen sie wahrscheinlicher. Verbote wie das der vorigen Woche provozieren Unverständnis, Enttäuschung, Zorn und Widerstand – gegen den Inhalt wie gegen den Stil. Rom scheint die pastorale Situation in Deutschland entweder nicht zu kennen oder einer Theologie zu folgen, der es gleichgültig ist, was verdiente Seelsorgerinnen und Seelsorger, Priester und Laien, Räte und Verbände, Theologinnen und Theologen und eben auch Bischöfe in breitester Übereinstimmung für verantwortlich halten.

Die Bischöfe werden nun weiter zerrieben zwischen den pastoralen Dynamiken an der Basis, den massiven Anfragen der Gesellschaft und der Loyalität zu Rom als dem Zentrum der katholischen Christenheit.

Niemand, der Autorität beanspruchen und zum Wohle aller einsetzen will, bringt die seiner Führung Anvertrauten in solche Bedrängnis. Diplomatie bedeutet auch im kirchlichen Binnenverhältnis, dass man wechselseitig auf Gesichtswahrung bedacht ist. Wer diesen Grundsatz außer acht lässt, macht sich an den einsetzenden Abwehrreaktionen mitschuldig.

Wie man es aber dreht und wendet: Die Liebe schulden wir Christinnen und Christen einander immer (Röm 13,8) – sogar vor allem dann, wenn man sich nicht respektiert fühlt. Die Liebe zur Weltkirche in den deutschen (Erz-)Bistümern wird sich in diesen Wochen an dreierlei beweisen: an der unmissverständlichen Solidarität zu homosexuell lebenden Menschen; an einer neuen energischen Investition in einen kreativen und proaktiven Dialog mit den römischen Behörden und dem Heiligen Vater; an der beharrlichen Weiterarbeit an den fälligen Reformen hierzulande, die uns allen niemand abnehmen kann und soll.

Die Hl. Margaretha ist, übrigens als sexuell missbrauchte Frau, eine der 14 Nothelferinnen. Ihr Name möge am Ende nicht nur meteorologisch für Frost stehen, sondern kirchenklimatisch für Tauwetter.

Von Matthias Sellmann