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Kölner Gutachten: Warum war man nur bei Woelki so misstrauisch?

Die Zurückhaltung des Kölner Missbrauchsgutachten sorgte für Irritation – auch gegenüber Kardinal Rainer Maria Woelki. Benjamin Leven fragt sich, warum man bei anderen Fällen weniger misstrauisch war – und bringt kirchenpolitische Positionen ins Spiel.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 23.03.2021

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Kardinal Rainer Maria Woelki hat mit seiner Entscheidung, ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch zurückzuhalten, für große Irritationen gesorgt. Manch einer vermutete, Woelki habe persönlich etwas zu verbergen und darum zur eigenen Entlastung ein zweites Gutachten "bestellt". Das große Misstrauen der Öffentlichkeit – es war verständlich, denn der Kardinal steht an der Spitze einer Institution, in der Missbrauch vertuscht, verschleiert, verharmlost wurde.

Nicht so verständlich war allerdings, warum man bei anderen Fällen deutlich weniger misstrauisch war, etwa dort, wo wesentliche Ergebnisse vergleichbarer Nachforschungen der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Und warum wurden eigentlich nur in Köln Rücktrittsforderungen laut, nicht aber andernorts, wo kirchlichen Verantwortlichen ebenfalls Pflichtverletzungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch nachgewiesen wurden?

Wer so fragt, dem wird gelegentlich entgegengehalten, das sei "Whataboutism" – ein rhetorischer Trick also, um von dem eigentlich zur Debatte stehenden Sachverhalt abzulenken. Aber die Frage "Was ist mit…?" hat ihre Berechtigung: Sie macht die Gesprächspartner darauf aufmerksam, dass sie bestimmte Elemente einer Kategorie aus ihrer Argumentation ausschließen und dafür keinen Grund angeben.

Lässt sich die Ungleichverteilung des Vertrauens anders erklären, als durch die kirchenpolitischen Positionen des Kölner Kardinals, die ihn bei vielen Katholiken unbeliebt machen? Jedenfalls haben innerkirchliche Interessengruppen die Affäre mit Nachdruck für ihre Anliegen zu nutzen gewusst.

Inzwischen ist jedoch klar: Das Misstrauen war unberechtigt. Woelki hat sein Versprechen eingelöst. Das Gutachten nennt Ross und Reiter. Und es ist offenbar so stichhaltig, dass die Verantwortlichen nun nicht mehr mit ihren Anwälten drohen, sondern ihre Ämter zur Verfügung stellen. Woelki hatte übrigens auch kein persönliches Interesse an einem neuen Gutachten. Wie nun bekannt wurde, hatten die mit der ersten Untersuchung beauftragten Anwälte ihm bereits vorab signalisiert, dass er nichts zu befürchten habe.

Mit dem Gutachten ist, wie allseits betont wird, die Aufarbeitung nicht abgeschlossen. Entweder man fokussiert auf persönliche Verantwortung – oder auf Fehler im System. In Bezug auf Ersteres setzt die Arbeit der Anwälte Standards, hinter die niemand mehr zurückfallen darf.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der "Herder Korrespondenz".

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