Das große Ausmisten: Wie wir vom Materiellen Abschied nehmen können
Lebenskunstphilosoph Schmid: "Die Lebensfreude wird explodieren"

Das große Ausmisten: Wie wir vom Materiellen Abschied nehmen können

Spiritea - Der Frühling beginnt, der Lockdown hält an: eine gute Gelegenheit also, zuhause auszumisten. Warum uns das Abschiednehmen dabei schwerfällt und wie uns das Aufräumen dann doch erfüllt, erklärt der Lebenskunstphilosoph Wilhelm Schmid im Interview.

Von Angelika Prauß (KNA) |  Bonn - 31.03.2021

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Corona-bedingt nutzen viele Menschen die Zeit, um zu Hause auszumisten, auszusortieren und alte Dinge loszuwerden. Im Interview pricht der Berliner Lebenskunstphilosoph Wilhelm Schmid über die Bedeutung des Ausmistens – und die Vorfreude auf den nächsten Einkauf.

Frage: Herr Schmid, wann ist für Sie der Punkt zum Ausmisten erreicht?

Schmid: Wenn die Schubladen überlaufen, dann wird es mir zu viel. Solche Situationen erlebe ich auch ohne Corona. Ich nutze gelegentlich, besonders in der Winterzeit, den Sonntagnachmittag, um mich mal über eine Schublade zu beugen und etwa ausgedruckte Fotos zu sortieren. Kaum zu glauben, dass es die mal gab ...

Frage: Warum häufen wir überhaupt so viel Zeug an?

Schmid: Weil es schwer fällt, sofort Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das gelingt viel besser im Rückblick. Mit etwas Abstand sehen wir schnell, dass sich etwa ein Zeitungsartikel, den ich später lesen wollte, inzwischen überholt hat.

Frage: Viele wissen, dass es ein Trugschluss ist zu denken, dass das Materielle einen glücklich machen könnte. Trotzdem tappt man immer wieder in die Falle und denkt, das muss ich unbedingt haben...

Schmid: Das ist keine Falle. Auch Materielles kann durchaus glücklich machen, wenn auch nur begrenzt. Um glücklich zu sein, spielt das Ideelle zweifellos eine sehr große Rolle; damit meine ich etwa Freundschafts- und Liebesbeziehungen. Aber auch diese gehen sehr wohl mit materiellen Dingen einher.

Nehmen wir ein Foto. Ich schaue mir sehr gerne Bilder von früheren Phasen einer Beziehung an, von früheren Erlebnissen mit Freunden und natürlich auch andere materielle Dinge. Auch ich gehöre zu denen, die sich von bestimmten alten Jacken partout nicht trennen können. Das mag bloße Materie sein – aber in diesem Stoff stecken eben Erinnerungen, die ich buchstäblich riechen kann, wenn ich diese Jacke nur berühre.

Frage: Hat es vielleicht auch damit zu tun, dass uns das Abschiednehmen schwerfällt und wir uns diesem Trennungsschmerz nicht stellen wollen?

Schmid: Um es mal so hart zu sagen: Es ist wie ein Abschied vom Leben. Das macht es ja auch so schwer, sich auch nur für ein paar Stunden vom liebsten Menschen zu verabschieden, denn dieser Moment ist damit vorbei.

Und genau so ist es auch mit harmlosen materiellen Dingen, meist hängen Erinnerungen dran. Wenn nichts dran hängt, ist das Loslassen ja kein Problem. Dann fliegt das einfach zur Seite. Aber in vielen Fällen wägen wir das ab, halten das Stück in der Hand, soll ich oder soll ich nicht? Denn es wegzuwerfen heißt, ein Stück von mir selbst wegzuwerfen – und das fällt sehr schwer.

Ein Mann schaut mit ausgebreiteten Armen Richtung Sonnenuntergang

Ausmisten kosten viel Zeit. Doch "im Grunde ist es ein Aufräumen seiner selbst", so Schmid.

Frage: Beim Sichten fällt auf: Besitz belastet und frisst viel Zeit – man liest sich doch in Papieren und Büchern fest; und selbst das Entsorgen – der Gang zum Papiercontainer oder zum Wertstoffhof – kostet Zeit. Macht diese Erfahrung etwas mit Menschen?

Schmid: Auf jeden Fall, deswegen ist das Aufräumen ohne Zweifel sinnvoll. Denn im Grunde ist es ein Aufräumen seiner selbst. Nur, dass wir das in Objekten vollziehen, was eigentlich im Subjekt, also in uns geschieht. Wir haben vielleicht, wenn ich das mal so im übertragenen Sinne formulieren darf, zu viel in uns reingefressen, und jetzt werden wir schlanker. Etwas "schlanker" zu werden, ist gesund, insofern wären wir gut beraten, den Prozess gelegentlich auch im Äußeren zu vollziehen – sei es am Sonntagnachmittag oder eben im Zuge einer solchen Pandemie, die uns ohnehin dazu zwingt, mehr zu Hause zu bleiben. Wichtig ist, dass wir diese Arbeit selbst leisten. Denn wir müssen nicht alles in und bei uns behalten, was wir jemals angesammelt haben. Manches können wir auch wieder loswerden, indem wir es einfach wegwerfen.

Frage: Von der äußeren Ordnung kommt man also ein Stück weit zur inneren Ordnung?

Schmid: Ja, ich möchte sogar sagen, diese Aufräumarbeiten führen uns zum Sinn unseres Lebens, den Zusammenhang, den roten Faden unseres Lebens, den kein anderes Leben hat. Kein anderer Mensch kann mir sagen, was der rote Faden meines Lebens ist.

Diesen erkennt man vielleicht in einem guten Gespräch mit einem Freund oder eben im Gespräch mit uns selbst, das wir führen, während wir aufräumen: Brauche ich das noch? Woran erinnert mich das? Ist es eine angenehme oder unangenehme Erinnerung? Wann war das? Was ist aus dem Menschen geworden, den ich hier auf dem Foto von damals sehe und an den ich mich im ersten Moment gar nicht mehr erinnere? Auf die Weise wird oft ein roter Faden unseres Lebens sichtbar – und damit der Sinn unseres Lebens. Wir wissen wieder besser, woher wir kommen, wo wir stehen. Und zugleich gewinnen wir ein Gespür dafür, wo wir hingehen.

Frage: Viele haben in der Corona-Zeit wieder mehr das "Sein" entdeckt, den Wert von Freundschaft und Familie. Beobachten Sie weitere Verschiebungen?

Schmid: Ich beobachte zum einen die Verschiebung zum Digitalen hin; das hat diese Krise – allein durch die Konferenzformate und den digitalen Austausch – besser lebbar gemacht. Zugleich gab es parallel dazu aber auch eine Verschiebung zum Analogen. Im selben Maß wie unsere digitalen Kompetenzen gewachsen sind, haben wir auch den Wert des Analogen wieder entdeckt, vor allem reale Beziehungen und Berührungen, die wir vielleicht gerade nicht haben können. Genau deshalb entdecken wir ihre Bedeutung neu. Ich vermute, dass sich diese beiden Gewinne – mehr digitale Kontakte und die Wertschätzung der persönlichen Begegnung – auch nach Corona halten werden.

Frage: Glauben Sie, dass wir uns nach Corona bewusster für einen Kauf entscheiden – oder haben wir vielleicht einen Aufholbedarf und konsumieren erst recht?

Schmid: Ich habe keine übermäßigen Erwartungen, dass wir nach Corona auf Dauer ein neuartiges, bewussteres Leben führen werden. Ein Blick zurück auf die 1920er Jahre zeigt, dass nach Krisen die Lebensfreude explodiert – und damit auch die Konsumfreude. Ich kann nur jeden ermuntern, sich schon mal eine Liste zu machen, was er oder sie gerne alles kaufen und erleben möchte. Das hilft uns dann auch über die verbleibende Zeit der Einschränkungen hinweg, die wir noch durchstehen müssen.

Von Angelika Prauß (KNA)

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