Wie eine Bärengeschichte für den Alltag helfen kann
Höhle, Honig und das eigene Brummen

Wie eine Bärengeschichte für den Alltag helfen kann

Spiritea - Mehr Arbeit zu Hause bedeutet keinen so weiten Weg zur Arbeit mehr, aber auch eine schwammigere Trennung zwischen Beruf und Privat. Unser Alltag ändert sich – was heißt das für unsere seelische Gesundheit? Eine Bären-Metapher eröffnet ungeahnte Einblicke.

Von Andreas Paul |  Bonn - 06.04.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Mit der Frühlingssonne erwachen die Bären aus dem Winterschlaf. Beneidenswert: die trübe, kalte Jahreszeit einfach zu verschlafen und erst mit dem warmen Frühjahrslicht wieder neu zu beginnen. Nicht minder beneidenswert erscheint mir die Gelassenheit und Kraft, die Bären ausstrahlen, während wir Menschen oft ruhelos und unzufrieden durchs Leben eilen. Kann ich mir als Mensch vom Bären im Hinblick auf ein gutes Leben vielleicht sogar etwas abschauen? Auf dieses Gedankenspiel hat mich ein Text des Jesuiten Michael Fischer gebracht, der drei grundlegende Faktoren für das Wohlergehen – des Bären wie des Menschen – in drei Bildern nachzeichnet.

Das erste Bild: die Bärenhöhle. Dort verbringt der Bär den Winter und die Nächte. "Aber daraus lässt sich nichts Sinnvolles ableiten", könnte man nun erwidern. Wirklich nicht? Ich jedenfalls kenne den Wunsch nach einem Platz, an dem ich wohne und es schön habe. Ganze Branchen leben von diesem Bedürfnis, "schöner wohnen" zu wollen: Es gibt Bausparkassen und Kreditabteilungen, Möbelhäuser und Inneneinrichter, Wohnzeitschriften, sogar Fernsehserien. Das Bild der Höhle beinhaltet jedoch mehr: einen Ort, der sicher ist, der zur Ruhe kommen lässt, der mir Geborgenheit vermittelt. Ist mein Zuhause noch eine solche bergende Höhle im Sinne eines Rückzugsraumes? Oder habe ich durch Homeoffice, Kurz-nochmal-die-Mails-checken, Newsticker und Messengerdienste so viele Seiten- und Nebeneingänge für die Welt geöffnet, dass es in meiner "Höhle" niemals ruhig und dunkel wird?

Dabei habe ich gegenüber dem Bären einen ganz besonderen Vorteil: Mir stehen für meinen Rückzug viel mehr Möglichkeiten offen: Musik, Kunst, Literatur, Meditation und Gebet, aber auch Freundschaft und Liebe können Rückzugsräume sein. Was für Bären und Menschen gleichermaßen gilt: Wir müssen unsere "Höhlen" finden, bevor es dunkel und kalt wird, vor den Nächten und Wintern unseres Lebens.

Honig gegen alle Widerstände

Zweites Bild: der Bär und sein Honig. Der Bär liebt Honig und sucht ihn sich gegen alle Widerstände, sei der Baum noch so hoch oder das Bienenvolk noch so angriffslustig. Was ist der Honig in meinem Leben? Wo finde ich ihn und was nährt er in mir? Honig bekomme ich nicht immer auf dem einfachen und kurzen Weg, ich muss dafür meine vertrauten Räume verlassen, meine Kraft und Geschicklichkeit einsetzen, manchmal auch ein "dickes Fell" beweisen und aushalten, dass ich mal gestochen werde.  Wo auch immer ich die Süße des Lebens suche, es beginnt damit, zu spüren, was mir wirklich schmeckt und mich nährt – und es von leeren Verlockungen zu unterscheiden, die mir am Ende nur Kraft nehmen, anstatt mich zu stärken. Mit dieser Haltung der Selbstfürsorge kann ich mich ausdauernd und zuversichtlich auf den Weg machen.

Das dritte Bild des zufriedenen Bären mag überraschen: das Brummen. Doch das "Klingen-Lassen" der eigenen Stimme, das Wiederholen von Silben, Wörtern und Versen, ist nicht ohne Grund in der spirituellen Praxis vieler Religionen und Kulturen fest verankert, zum Beispiel im Gebet der Psalmen im Christentum, im Vortrag der Tora, der Rezitation des Koran, den Mantren des Yoga. Wir Menschen sprechen an auf Klang, Rhythmus, Melodie, Poesie. Die Schwingung von Klang berührt uns auf emotionaler Ebene tiefer als ein gesprochenes Wort – und der selbst erzeugte Klang wiederum tiefer als Klänge, die von außen kommen. Ich kann die Rezitation der heiligen Texte daher als Werkzeug betrachten, das es mir erlaubt, mit meinen Emotionen in Verbindung zu treten und mich insgesamt intensiver zu fühlen.

Zugleich schafft die Rezitation eine Verbindung zum Höheren: Wenn ich diese tiefen alten Texte klingen lasse, stimme ich immer auch ein in ein großes Lied, das vor mir gesungen wurde und nach mir gesungen wird, das vom Leben singt mit allem, was dazu gehört.  Sicher ist es nicht gleichgültig, für welche Glaubens- und Überzeugungsverse ich mich dabei entscheide. Sie können zu Wohlklang und Harmonie führen oder ins Gegenteil. Es ist an mir, meine Mantren, Lebensmuster und Visionen im Wohlwollen mit mir selbst klug zu wählen – kreativ und liebevoll, ausdauernd und unverzagt.

Von Andreas Paul

Mehr von Spiritea

Entdecke mehr spirituelle Texte für eine Teelänge!

Hier gibt es unsere Rubriken:

Innere Ruhe

Spiritualität

Gutes Leben

Und hier geht es zur Spiritea-Facebook-Gruppe