Im Frühling wachse ich über mich hinaus
Knospen und Franz von Assisi

Im Frühling wachse ich über mich hinaus

Spiritea - Der Frühling ist da – im Lockdown eine gern gesehene Wohltat. Da macht es gleich viel mehr Spaß, zum Spazieren nach draußen an die frische Luft zu gehen. Für Schwester Jakoba Zöll hat der Frühling aber auch eine spirituelle Dimension – das hat viel mit der Natur zu tun.

Von Schwester Jakoba Zöll |  Bonn - 08.04.2021

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Weit offene Tulpen, blühende Narzissennester und prall gefüllte Knospen an fast jedem Baum die nur darauf warten, dass die Sonne und die wärmeren Temperaturen nur noch ein wenig länger bleiben. Ohne Jacke in der Sonne spazieren und plötzlich (natürlich coronakonform) völlig neu belebte Plätze, Parks und Treppenstufen. Frühlingsausbruch macht einfach froh, eine regelrechte Stimmungsphotosynthese.

Obwohl das im Frühling immer ein besonders schönes Gefühl ist, nach den Wochen des dunklen und kalten Winters, geht's mir nicht nur im Frühling so. Natur macht einfach froh, wenn ich mich aufmerksam in ihr bewege und mir Zeit nehme, mal ohne Podcast auf den Ohren. Das kennst du sicher auch, seien es die einmaligen Wahnsinnsaussichten nach einer langen Bergtour, bei denen man völlig platt die Schönheit der Aussicht nur sprachlos bestaunen kann. Oder die einmalig perfekten Sonnenuntergänge am Strand, die jede filmische Kitschszene um Längen schlägt. Oder auch die weniger singulären Naturgenüsse, wie die erste Knospe im Frühjahr, bis zum Bersten gefüllt mit Leben, oder die eingefrorenen Spinnenweben im Winter, in denen sich das Licht bricht.

In den Corona-Monaten hat Spazieren gehen und Natur tanken einen neuen Aufwind erfahren. Von jung bis alt zog und zieht es uns Menschen plötzlich wieder raus. Vor allem die Menschen, die eine strenge Quarantäne oder einen harten Lockdown (denken wir an Italien und Spanien im letzten Jahr) erlebt haben, wissen was es heißt, plötzlich nicht mehr raus zu dürfen. Da konnten wir uns im Vergleich zwar glücklich schätzen, weil Spaziergänge und Joggen auch im Lockdown erlaubt waren, aber auch uns fiel und fällt irgendwann die Decke auf den Kopf. Ich habe mich nach Weite, staunender Sprachlosigkeit und Glücksgefühlen gesehnt – mal ausbrechen aus dem eng gewordenen Lockdownalltag und den ständigen Coronasorgen.

Natur als Teil der Spiritualität

Bei uns Franziskanerinnen und Franziskanern ist das raus gehen in die Natur Teil unserer Spiritualität. Unser Ordensgründer Franziskus von Assisi hatte eine ganz besondere Beziehung zu unserer Umwelt. Das drückt sich in zahlreichen Geschichten aus, die uns über Franz überliefert sind. In denen er zu Vögeln predigt, Lämmer vor dem Schlachter rettet, böse Wölfe zähmt und mit dem Sonnengesang einen Lobgesang auf die Elemente dichtet. Dabei spielt für unsere eigene Spiritualität der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen kaum eine Rolle, es geht vielmehr um das "warum" des Erzählens. Warum war es den ersten Franziskanern so wichtig, diese Art von Geschichten über Franziskus aufzuschreiben? Weil die Natur für Franz viel mehr war als Rohmaterial zur Verwirklichung menschlicher Fortschrittslust. Für ihn waren alle Tiere, Pflanzen, Gesteine und Himmelskörper Geschöpfe Gottes, ganz genau wie der Mensch.  Sich in der Natur zu bewegen, sie zu betrachten und sich um sie zu sorgen ist für Franz der Hinweis darauf, dass es um mehr geht bei seinem Leben als um sich selbst. Die Natur weißt für ihn über sich selbst hinaus, hin auf seinen Schöpfer. Sie schenkt Weite, wenn der eigene Alltag, die eigenen Sorgen und Probleme alles eng machen und den Blick verstellen; sie schenkt Bodenhaftung, wenn wir neben unseren eigenen Zielen nichts mehr gelten lassen; und sie ist da, für und mit uns, völlig wertfrei.

Ich kann das gut nachvollziehen, auch für mich weißt die Natur über sich selbst hinaus. Nicht so buchstäblich wie für Franz, aber auch ich habe das Gefühl, geerdet zu werden, wenn ich einen langen Waldspaziergang mache oder von einem Berg ins Tal sehe. Geerdet und daran erinnert, dass nicht ich es bin, um die sich alles dreht. Sondern einfach ein Mensch, ein Lebewesen unter vielen auf diesem Planeten. Das tut gut, wenn die eigenen Probleme und Gedanken alles andere zu überschwemmen drohen. Und das gute Gefühl, dass es vielleicht etwas gibt, was größer ist als ich selbst.

Von Schwester Jakoba Zöll

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