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Standpunkt

Wenn der Papst mit dem geschassten Kardinal die Messe feiert

Normalerweise besucht der Pontifex am Gründonnerstag Flüchtlinge oder Gefangene. Dieses Jahr traf er einen ehemaligen Kardinal. Abtpräses Jeremias Schröder sieht darin einen Fingerzeig auf die Lebensweise vieler Vatikankleriker.

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 06.04.2021

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Wer am Gründonnerstag die Abendmahlsfeier aus dem Petersdom im Internet mitfeiern wollte, musste sich damit abfinden, dass statt Papst Franziskus der ehrenwerte, aber nicht gerade von Charisma sprühende Kardinal Re dem Gottesdienst vorstand. Der Papst, so wurde einige Stunden später bekannt, hatte stattdessen Kardinal Becciu besucht und zusammen mit ihm in dessen Privatkapelle das letzte Abendmahl gefeiert. Das war der gleiche Becciu, dem vor einigen Monaten sehr plötzlich seine Kardinalsprivilegien genommen worden waren, wegen nicht näher bezeichneter finanzieller Unregelmäßigkeiten.

In früheren Jahren hat der Papst an diesem Tag Flüchtlinge oder Gefangene besucht. Dieses Jahr hat er durch seinen Besuch dem Blick auf die eigenartigen Lebensbedingungen der vielen Hundert Kleriker gelenkt, die am Vatikan tätig sind. Die oberen Ränge haben in ihren Dienstwohnungen Privatkapellen, was aber eigentlich auch schon recht trostlos ist. Die niedrigeren Dienstgrade wohnen, wenn sie nichts Besseres gefunden haben, in Kleruswohnheimen. Statt mit Gemeinden oder wenigsten Gemeinschaften verbunden zu sein, fristen sie ein geistliches Bürokratendasein. Die Liturgie, die eigentlich Gemeinschaft ausdrücken und stiften soll, findet oft genug – auch schon vor Covid – in der Vereinzelung statt. Die unlängst untersagten Privatmessen im Petersdom spielen da eine wichtige Rolle. Bei diesem Verbot ging es vielleicht gar nicht so sehr um die liturgische Ordnung, sondern um die Soziologie der im Vatikan tätigen Priester.

Kardinal Brandmüller hat kürzlich den wenig beachteten Vorschlag gemacht, dass nur jemand zum Papst gewählt werden sollte, der vorher fünf Jahre im Vatikan tätig war. Ich frage mich eher, ob man der eigenartigen Kultur der vereinzelten Kleriker in der römischen Zentrale damit begegnen sollte, dass vermehrt Menschen eingestellt werden, die in Familien oder Ordensgemeinschaften beheimatet sind. Dadurch hat deren Alltagsleben etwas mehr Erdung, und der Höhepunkt des Tages findet nicht an einem einsamen Altar in der zugigen Basilika oder in einer kleinen Privatkapelle statt.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

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