Kardinal Kasper: Küng hat sich mit Rom ausgesöhnt
Kirchenkritiker war am Dienstag mit 93 Jahren gestorben

Kardinal Kasper: Küng hat sich mit Rom ausgesöhnt

Bereits 1979 hatte der Vatikan dem am Dienstag gestorbenen Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen. Kurienkardinal Walter Kasper, ein Wegbegleiter Küngs, berichtet nun, dass er sich kurz vor seinem Tod mit Rom ausgesöhnt hat.

Rom - 07.04.2021

Der am Dienstag gestorbene Theologe Hans Küng, dem der Vatikan 1979 die Lehrerlaubnis entzog, hat sich nach Darstellung von Kurienkardinal Walter Kasper vor seinem Tod mit der Kirche ausgesöhnt. Papst Franziskus habe vergangenen Sommer, als Küng bereits sehr geschwächt war, durch Kasper Grüße und Segenswünsche überbringen lassen. "Hans hat sich darüber sehr gefreut, es war wichtig für ihn", sagte Kasper der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Mittwoch). Kasper würdigte Küng mit den Worten, er habe als Theologe mit einer für alle verständlichen Sprache "vielen geholfen, zum Glauben zu finden oder in der Kirche zu bleiben".

Kasper kannte Küng seit Ende der 1950er-Jahre und arbeitete bei ihm in den 60ern als wissenschaftlicher Assistent in Tübingen. "Wir hatten unterschiedliche Standpunkte, aber wir sind immer in Kontakt geblieben", sagte der Dogmatiker und spätere Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen über seinen fünf Jahre älteren früheren akademischen Lehrer. Kasper nannte Küng einen "harten Kritiker, manchmal auch ungerecht". Küng sei jedoch "in der Tiefe seines Herzens immer ein Mann der Kirche und in der Kirche" geblieben. Nie habe er daran gedacht, die Kirche zu verlassen. "Seine Absicht war, sein Bestes für die Kirche zu tun, von innen. Er hat sich immer als Christ und als Katholik gefühlt", sagte Kasper.

Schon im Sommer mit baldigem Tod Küngs gerechnet

Der Kardinal berichtete, dass er vergangenen Sommer, als schon mit einem baldigen Tod Küngs gerechnet worden sei, Papst Franziskus angerufen habe. "Der Papst trug mir auf, ihm seine Grüße und seine Segenswünsche 'in christlicher Gemeinschaft' zu überbringen", sagte Kasper. "Es war, als fühlte sich Küng in Frieden mit der Kirche und mit Franziskus, eine Art Versöhnung", sagte der Kardinal. Auch Benedikt XVI. habe von Küngs Verfassung gewusst und für ihn gebetet, so Kasper weiter. Zur Forderung einer formellen Rehabilitierung Küngs, dem die Glaubenskongregation 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzog, sagte Kasper: "Das hat keinen Sinn, wenn man stirbt, macht man keine Verfahren, uns erwartet ein anderes Gericht."

Reibungspunkte zwischen Küng und dem katholischen Lehramt habe es mehrere gegeben, von der Moral-Enzyklika "Humanae vitae" bis zum Frauenpriestertum, sagte Kasper. Die Hauptkritik Küngs habe sich indessen gegen das Unfehlbarkeitsdogma gerichtet. "Die Weise, wie er das tat, gefiel Rom nicht; auch ich war nicht einverstanden", sagte der Kardinal. - Küng war am Dienstagmittag im Alter von 93 Jahren in seiner Tübinger Wohnung gestorben. Seine letzte Ruhe wird der Theologe auf dem alten Stadtfriedhof Tübingen finden. In unmittelbarer Nähe ist das Grab des Schriftstellers und Wissenschaftlers Walter Jens. Die beiden Professoren waren über Jahrzehnte eng befreundet und hatten sich die Gräber reservieren lassen. Jens starb 2013.

Unterdessen würdigten weitere Kirchenvertreter den verstorbenen Gründer des Weltethos-Projekts. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck nannte Küng einen glaubwürdigen Mahner und authentischen Christen. Küng habe Brücken zwischen Kulturen und Religionen gebaut. Notwendig sei eine "vertrauensvolle, eben geschwisterliche interreligiöse Dialogkultur, die es so zu pflegen gilt, wie Hans Küng es immer tat", so Overbeck. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sprach von einem "großen Ökumeniker, einem bedeutenden Theologen und freien Geist, der die Kirche liebte und verändern wollte". Als Theologe sei Küng ein "Weltpolitiker der Religionen" gewesen. Der Augsburger Bischof Bertram Meier schrieb in einem Nachruf, die Nachricht von Küngs Tod "hat mich traurig und nachdenklich gestimmt". Meier kannte Küng aus seiner Zeit in Rom, wo beide lange gewirkt haben. "Mir, der ich mich als Bischof in der Friedensstadt Augsburg auch der Einheit der Christen und dem interreligiösen Dialog widme, wird diese konstruktiv kritische Stimme fehlen", so der Bischof. (tmg/KNA)

7.4., 13:05 Uhr: Ergänzt um weitere Stimmen und Informationen.