Schachfigur
Standpunkt

"Einheit und Frieden"? Die Kirche gibt ein ganz anderes Bild ab

Die Kirche betet in jeder Heiigen Messe um "Einheit und Frieden". Doch wenn Ricarda Menne auf die aktuellen Debatten und Konflikte rund um die geforderten kirchlichen Reformen schaut, drängt sich ihr ein ganz anderes Bild auf.

Von Ricarda Menne |  Bonn - 08.04.2021

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

"… und schenke ihr [der Kirche] nach deinem Willen Einheit und Frieden", heißt es im Friedensgebet der Eucharistiefeier. Und in einem Hochgebet: "Mach deine Kirche zum Zeichen der Einheit unter den Menschen und zum Werkzeug deines Friedens."

Kirche – Einheit – Frieden. Diese Trias eiert gerade ganz gewaltig. Zwar haben wir in Mitteleuropa die Zeit der Religions- und Konfessionskriege hinter uns gelassen. Aber wenn ich mitbekomme, mit welcher Leidenschaft sich Christen gegenseitig den ("wahren") Glauben absprechen und sich über Randthemen echauffieren… Wenn ich erlebe, wie die Worte und das Verhalten einzelner Kirchenmitglieder – ob Amtsträger oder Laie – geeignet sind, zu polarisieren und den (seelischen) Frieden zu stören, wie man aufeinander ein- und aneinander vorbeiredet oder schlimmstenfalls nur noch über- und nicht mehr miteinander redet… Dann frage ich mich, ob die Fankurve im Stadion nicht deutlicher Einheit und Frieden (und Lebensfreude) erfahrbar macht als das Werkzeug namens Kirche.

Einheit und Frieden sind offenbar nichts, was sich allein unserem Tun verdankt oder von der Kirche nach einer für alle Völker und Gesellschaften einheitlichen Norm "produziert" wird. Nichts, was einfach par ordre du mufti postuliert werden kann. Nichts, was sich unter Einbeziehung aller und Berücksichtigung sämtlicher Befindlichkeiten durch eine Abstimmung ein für allemal erreichen lässt. Aber hoffentlich auch nichts, worum wir gewohnheitsmäßig beten während wir ansonsten die Hände in den Schoß legen. "Einheit und Frieden" – oder bescheidener ausgedrückt: die Erfahrung, als Kinder einer Menschheitsfamilie an einem Strang zu ziehen und etwas Gutes zu bewirken – zeigen sich im Konkreten und dort, wo es nicht um der Selbstbestätigung und des Systemerhalts willen geschieht.

Uns allen – denjenigen, die um der Wahrung der Einheit willen Reformvorstöße mit Vorsicht betrachten, und denjenigen, die sich an den Strukturen der Kirche abarbeiten – kann ein wenig mehr jesuanische Gelassenheit gut tun: "Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns" (Mk 9,40).

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.