Schachfigur
Standpunkt

Was machen wir mit der "Mütigkeit" in der Kirche?

Er sei mütend auf die Kirche, kommentierte gestern Simon Linder. Auch Theresia Kamp kennt das Gefühl, wenn sie auf die Kirche schaut. Eine Möglichkeit, diese "Mütigkeit" zu überwinden, sieht sie in der Beziehung zu Gott.

Von Theresia Kamp |  Bonn - 13.04.2021

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Mein ehemaliger Kommilitone Simon Linder ist mütend auf die Kirche. Das schrieb er gestern an dieser Stelle. Das Kunstwort aus "müde" und "wütend", das die Gefühlslage vieler Menschen in der Coronapandemie zusammenfasst, passt für ihn auch zur kirchlichen Situation.

Ich kenne das Gefühl. Mütend bin ich, wenn ich höre, dass Kolleginnen und Kollegen, die in der Pfarrei arbeiten, nicht sie selbst sein dürfen, sondern erleben, dass man sich über ihre Meinung und ihre Spiritualität lustig macht und verbal mit Füßen tritt. Mütend bin ich, wenn ich mitbekomme, dass jemand seine wissenschaftliche Berufung nicht verwirklicht, weil das Promotionsthema nicht in den ungeschriebenen approbierten kirchenpolitischen Kanon passen würde. Unendlich mütend bin ich über die Fälle von sexualisierter Gewalt in der Kirche.

Die Frage ist: Was machen wir mit der "Mütigkeit"? Das eine Lager ist versucht, mantraartig die gleichen Probleme zu wiederholen und nach außen den Eindruck zu erwecken, als gäbe es keine anderen Inhalte in der Kirche. Wer wollte in einer Kirche bleiben oder gar eintreten, in der es ständig darum geht, wie furchtbar diese Kirche ist?

Die Gefahr des anderen Lagers ist, sich in ein scheinbar geschlossenes System zurückzuziehen und den Kontakt mit dem gegenwärtigen Diskurs ganz abzuschneiden. Wie anziehend ist eine Kirche, die nicht am aktuellen Gespräch teilnimmt?

Beide eint die Gefahr, vor lauter Diskutieren und Beschweren den gelebten Glauben zu vergessen. Unabhängig von kirchenpolitischen Einstellungen sollte der Glaube Sinn schenken und tragen, wenn nichts anderes mehr trägt.

Dieser Glaube ist es, der eine dritte, zugegebenermaßen anspruchsvolle Haltung möglich macht: sich nicht auf die "Mütigkeits"-Auslöser zu fixieren und zu resignieren, sondern den anderen in seiner Andersartigkeit zu respektieren, im Gespräch zu bleiben und um Lösungen zu ringen. Denn gerade in der Beziehung zu Gott, dem "ganz Anderen", werden meine festgefügten Denkmuster immer wieder gesprengt.

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp hat Theologie und Romanistik studiert. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und schreibt regelmäßig für verschiedene christliche Medien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.