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Damenhut und Papst-Unterschrift: Zeichen haben große Macht

Zeichen können für jede Menge Sprengstoff sorgen, aber auch Politik machen, kommentiert Thomas Seiterich. Er erinnert an den Besuch der ehemaligen israelischen Regierungschefin Golda Meir im Vatikan – und ihren Damenhut.

Von Thomas Seiterich |  Bonn - 15.04.2021

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Ein Zeichen sorgt für politischen Sprengstoff. Der türkische Präsident Erdogan hatte jüngst EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf dem Sofa platziert und damit öffentlich an den Rand gerückt. Zeichen zeigen Politik. Hier die Macho-Politik des autoritären Türkei-Herrschers. EU-Ratspräsident Charles Michel fiel darauf herein. Er machte mit und thronte neben Erdogan auf einem der zwei Sessel auf dem Podest. Besonders peinlich, weil die EU-Chefs den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention kritisieren wollten. Deren Ziel ist, häusliche Gewalt insbesondere gegen Frauen zu ächten und zu verhindern.

Der belgische EU-Politiker Charles Michel schwieg 24 Stunden, bis er zu einem "Sorry" bereit war. Da war der Shitstorm "Sofagate" längst heiß entbrannt.

Was jedoch ein Zeichen an Positivem bewirken kann, zeigt die Geschichte vom Damenhut zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl. 1973 wird erstmals ein Regierungschef Israels im Vatikan empfangen, die Linksdemokratin Golda Meir. Der Besuch ist hoch umstritten, denn der Heilige Stuhl steht stramm auf Seiten der acht Millionen arabischen Christen in Syrien, Libanon, dem Irak, Jordanien und Ägypten – allesamt Feindstaaten Israels. Und obendrein: Das vatikanische Protokoll sieht vor, dass eine Dame als Papstgast einen Hut zu tragen habe, möglichst samt Schleier.

Die Sozialistin und ehemalige Kibbuz-Aktivistin Golda Meir pflegte jedoch keine Hüte zu tragen, weil: bourgeoiser Damenquatsch, no way. Diplomatisches Hin und Her: Meir folgt ihren Beratern. Sie überwindet sich und trägt eine Art Kappe, als sie mit Paul VI. in Streit gerät. Da fällt das Ding auf den Boden – und die Ministerpräsidentin lässt es liegen, als sie geht. Zuvor hatte der Papst sie gefragt, warum gerade die Juden, die so viel gelitten hätten, nun die im Sechstagekrieg 1967 besiegten Araber so schlecht behandelten. Er spreche "für die Schwächsten", für "die palästinensischen Flüchtlinge", hatte Paul VI. ihr gesagt. Golda Meir antwortete ärgerlich, sie habe schon als Kind in Kiew ein Pogrom erlebt und keinerlei Belehrung nötig.

Was tun mit dem zu Boden gepfefferten Hut? Diskret Entsorgen kam für die vatikanischen Gastgeber nicht in Frage. Doch an der politischen Nichtbeziehung und vor allem an der Nichtanerkennung Israels wollte der Papst festhalten... Irgendwer hat aus dem Vatikan dann eines Tages den Hut nach Tel Aviv gebracht. In aller Stille.

Dank des liegengebliebenen Damenhuts kam die vom Papst ungeliebte Beziehung mit Israel einen Schritt voran. Der Faden riss nicht ab. Als nächstes bat Paul VI. 1977 in einem offiziellen Briefwechsel Israel um Freilassung des wegen Waffenschmuggels für die Palästinenser inhaftierten Bischofs Hilarion Capucci. Beobachter sahen darin eine "De facto"-Anerkennung Israels. Und 1993, viele Jahre später, hat der Heilige Stuhl Israel offiziell anerkannt.

Zeichen machen Politik. Wie sowas in die Hose gehen kann, zeigt Papst Franziskus Unterschrift unter das theologisch völlig unhaltbare Segensverbot für Homosexuelle.

Von Thomas Seiterich

Der Autor

Thomas Seiterich ist Ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift "Publik-Forum".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.