Bischof Georg Bätzing
Kirchen gedenken in Berlin der Toten in der aktuellen Krise

Bischof Bätzing: Corona-Pandemie "verwundet die Seele"

Die Corona-Pandemie hinterlässt tiefe Wunden: viele Menschen sterben an dem Virus, ihre Angehörigen können sich oft nicht von ihnen verabschieden. Die christlichen Kirchen und weitere Religionsvertreter haben daher in einem Gottesdienst der Opfer der Pandemie gedacht.

Berlin - 18.04.2021

Die christlichen Kirchen haben am Sonntag in Berlin mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche der Toten in der Corona-Pandemie gedacht. "Krankheit, Sterben und Tod lassen sich in diesem langen Jahr nicht wegdrücken, sie schneiden tief ein in das Leben vieler Menschen", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, in seiner Predigt. "Tod und Sterben sind uns näher gerückt als zuvor." Auch ihr Bild habe sich verändert.

Es fehle so viel, sagte Bätzing weiter: Besuche im Krankenhaus, letzte Aussprachen, Trost in der Angst, die vertraute Hand, das Verweilen mit den Verstorbenen, letzte Worte, die Liebe, Schmerz, Trauer und Verzeihen ausdrücken. "Sterben an einer ansteckenden Krankheit lässt das alles nicht zu - nicht einmal ein Begräbnis, an dem viele teilnehmen, diesen Menschen würdigen und den Angehörigen beistehen." Verpasste Augenblicke seien verpasste Chancen. "Sie sind einmalig, da gibt es kein zweites Mal", sagte der Bischof. "Was hier alles fehlt, was einem an Nähe und Zuneigung geraubt wird durch die Pandemie, das verwundet die Seele."

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sagte in seiner Predigt, in Zeiten der Trauer sei es umso wichtiger, nicht alleine zu sein. Die Krisenerfahrung der Pandemie lege sich wie ein Trauma auf die Seele und schreie nach Heilung. "Für die Verarbeitung werden wir viel Zeit brauchen, erst recht unsere Kinder, unsere Heranwachsenden, für die diese Krise die Ausdehnung einer gefühlten Ewigkeit hat." In der Gemeinschaft der Trauernden liege eine Kraft als Nähe, Trost und Hoffnung.

Miron: Trost über Grenzen hinweg

Bätzing und Bedford-Strohm gingen in ihren Predigten auf die biblische Geschichte vom Weg der trauernden Jünger Jesu nach Emmaus ein. Diese mache Mut. Anhand der Geschichte sollte der Gottesdienst Gelegenheit zur Besinnung und zum Abschiednehmen geben und in der Hoffnung bestärken.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, Erzpriester Radu Constantin Miron, sagte, das Coronavirus mache weder vor Konfessionen noch vor Religionen noch vor Nationen halt. "Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir heute mit diesem Gottesdienst gemeinsam trauern, aber auch ein Zeichen des Trostes setzen - über Grenzen hinweg, die auch das Virus nicht kennt."

Der ökumenische Gottesdienst auf Einladung von Bätzing, Bedford-Strohm und Miron ging einem staatlichen nationalen Gedenkakt im Konzerthaus Berlin voraus, zu dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen hatte. Neben ausgewählten Hinterbliebenen nahm die gesamte Staatsspitze teil. Auch Vertreter jüdischen und muslimischen Glaubens wirkten an dem Gottesdienst mit. Die Teilnehmerzahl war coronabedingt stark eingeschränkt. An zahlreichen Orten in Deutschland erinnerten Kommunen und Kirchen mit weiteren Gedenkakten und Gottesdiensten an die Toten in der Pandemie.

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Kirchliche Sozialverbände erinnern zur Corona-Gedenkfeier an die Opfer, deren Angehörige und Helfer in der Pandemie-Krise. "Heute ist ein Tag der Klage. Heute trauern wir als Gesellschaft um schmerzhaft vermisste Mütter, Väter und Geschwister, um Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen", sagte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie am Sonntag. Zu viele hätten alleine sterben müssen, "zu viele konnten sich von ihren Liebsten nicht wirklich verabschieden".

Auch Caritas-Präsident Peter Neher erinnerte besonders an alle, die um die Toten trauern. "Und ich will auch diejenigen würdigen, welche die Kranken versorgen, pflegen und im schlimmsten Fall bis in den Tod begleiten", sagte Neher. "Ich weiß, wie viel die Pandemie Ihnen abverlangt hat und immer noch abverlangt, ich danke Ihnen von Herzen für Ihren Einsatz und ich wünsche Ihnen und uns allen Kraft und Zuversicht."

Auch in den Einrichtungen der Caritas, insbesondere in den Pflegeheimen und den Einrichtungen für behinderte Menschen, seien Menschen an Covid-19 gestorben. Dabei dürfe sich der Blick jedoch nicht nur auf Deutschland richten. Bis jetzt seien offiziell mehr als drei Millionen Menschen weltweit an Corona gestorben. "Ihnen allen gilt die Hoffnung auf ein Leben, das letztlich den Tod überwunden hat", so der Caritas-Präsident.

Diakonie-Chef: "Wir brauchen einander"

Diakonie-Chef Lilie ergänzte zudem: "Andere kämpfen mit den Langzeitschäden dieser tückischen Krankheit - gesundheitlich, auch ökonomisch. Existenzen können auf sehr unterschiedliche Weise vernichtet werden. Corona geht allen an die Substanz." Es könne heilsam sein, wenn sich gemeinsam Zeit zum Trauern und Klagen genommen werde. "Wir brauchen einander - auch in der Anerkennung unseres Leidens."

Lilie betonte, dass Trauerarbeit auch Arbeit sei an der Reifung und der Bewusstwerdung der "sich tief transformierenden Gesellschaft, die eine soziale und ökologische Wende und eine Weiterentwicklung der Freiheitsidee braucht". Zur erweiterten Trauerarbeit der Gesellschaft gehöre auch, unser Gesundheits- und Sozialsystem für die Zukunft pandemiefest zu machen. "Wir brauchen eine Daseinsvorsorge, die alle mitnimmt in unserer immer älter und vielfältiger werdenden Gesellschaft. Ein Mehr an sozialer Gegenseitigkeit und ein Weniger nur an materiellem Wachstum um jeden Preis wäre ein gewaltiger gesellschaftlicher Fortschritt für unser Land", so Lilie.

Die Stiftung Patientenschutz begrüßte das Gedenken an die Opfer; ein Moment des Innehaltens in der Pandemie sei sicherlich wichtig. "Aber ein Staatsakt zum Gedenken der 80.000 Corona-Toten sollte eher am Ende der Krise stehen. Davon ist Deutschland noch entfernt", sagte Vorstand Eugen Brysch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Auch er erinnerte daran, dass die Orte des oft einsamen Sterbens nicht vergessen werden dürften. Mehr als die Hälfte der Opfer seien in Pflegeheimen gezählt worden. Es sei viel zu oft nicht gelungen, Pflegeheimbewohner ausreichend zu schützen. Brysch betonte: "Für Angehörige ist es tröstend, den Themen nicht auszuweichen." (rom/KNA)