Der Jesuitenpater Klaus Mertes ist heute Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien.
Interesse der Kirche, Vertrauen zurückzugewinnen, sei zweitrangig

Mertes: Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer ist wichtigste Prämisse

Oberstes Ziel der Missbrauchsaufarbeitung dürfe nicht sein, dass die Kirche Vertrauen zurückgewinnen will, warnt Jesuit Klaus Mertes. Damit Opfern Gerechtigkeit widerfahre, müssten Bischöfe und Ordensobere auch Macht und Kontrolle abgeben.

Ostfildern - 19.04.2021

Für den Jesuiten Klaus Mertes muss es Voraussetzung und wichtigstes Ziel kirchlicher Missbrauchsaufarbeitung sein, nach Gerechtigkeit für Opfer und Betroffene zu streben. Die Interessen der Institution Kirche sowie das Ziel, Vertrauen zurückzugewinnen, müssten dahinter zurücktreten, fordert Mertes in seinem im Patmos-Verlag erscheinenden Essay "Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen - Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht".

Mertes betont, zur Gerechtigkeit gehöre neben der Anerkennung der Wahrheit von Missbrauch auch ein Täter-Opfer-Ausgleich. Dieser Ausgleich dürfe nicht nach einer "Ablass-Logik" auf Entschädigungszahlungen reduziert werden. "Geld ist ohne existenzielles Engagement kein Beitrag zum Frieden für die Betroffenen und mit den Betroffenen".

Einrichtung von vollständig unabhängigen Kommissionen

Konkret fordert der Jesuit, der durch seinen Gang in die Öffentlichkeit Missbrauchstaten von Ordensmitgliedern an katholischen Schulen öffentlich machte, die Einrichtung von vollständig unabhängigen Kommissionen zur Aufarbeitung. Dies könne allerdings nur gelingen, wenn Bischöfe und Ordensoberen bereit seien, Macht und Kontrolle über das Verfahren abzugeben. Dies sei bislang nicht der Fall. Beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing, sieht Mertes erste Signale der Offenheit für einen solchen Weg.

Im Blick auf die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen nach Kirchenrecht schlägt Mertes vor, Betroffenen ein Klagerecht einzuräumen. Sie dürften nicht übergangen oder nur als Zeugen gehört werden, weil ihnen in diesem Falle nur nochmals Ohnmacht vorgeführt werde. Mertes ist sich auch im Blick auf die Kirchenaustritte und Debatten um den Kurs der Kirche sicher, dass die Kirche in den nächsten Jahren "durch ein tiefes Tal" gehen müsse.

Mertes ist vor wenigen Tagen zusammen mit dem von Missbrauch betroffenen früheren Schüler einer katholischen Schule, Matthias Katsch, für das Eintreten für Aufarbeitung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Zuletzt war Mertes Leiter der Jesuitenschule Kolleg Sankt Blasien im Südschwarzwald. Derzeit ist er in einer Sabbatzeit und will im Anschluss als Seelsorger arbeiten. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel zum Thema Missbrauch. (KNA)