Nur "Gastarbeiter"? Ein Blick auf ausländische Priester in Deutschland
Zwischen Kulturschock und neuen Impulsen für die Gemeinden

Nur "Gastarbeiter"? Ein Blick auf ausländische Priester in Deutschland

Jeder sechste Priester in Deutschland kommt aus dem Ausland. Das kann zu Auseinandersetzungen führen, weil ganz unterschiedliche Selbst- und Kirchenverständnisse aufeinanderstoßen. Ausländische Seelsorger können vor Ort jedoch auch neue Akzente setzen. In jedem Fall brauchen sie aber Unterstützung.

Von Benedikt Heider |  Bonn - 05.05.2021

In Deutschland arbeiten rund 13.000 Priester, mehr als jeder sechste von ihnen kommt aus dem Ausland. Etwa die Hälfte dieser 2.271 ausländischen Priester gehört einem Orden an. Wird über sie gesprochen, fallen schnell Worte wie "Gastarbeiter" oder "Importpriester". Der Professor für Missionswissenschaft in Vallendar, Klaus Vellguth, empfindet diese Begriffe als problematisch, räumt aber ein, dass Bischöfe mit ausländischen Priestern tatsächlich Personallöcher stopfen müssen, weil der priesterliche Nachwuchs fehlt. "Amtstheologische Gründe" hätte das, wie er sagt – und meint den Zugang zur Weihe ausschließlich für zölibatär lebende Männer.

Ursula Hinterberger, Pressereferentin des Erzbistums München und Freising, nennt ausländische Seelsorger eine "willkommene Bereicherung unseres pastoralen Personals". Von Lückenbüßern will sie nicht sprechen. Ausländische Priester wüssten aber natürlich um den Priestermangel in Deutschland "und wollen bewusst zu dessen Milderung beitragen".

"Die gleichen Aufgaben und Verpflichtungen"

Also doch ein Auslandseinsatz gegen Priestermangel? Für Pater Jis Mangaly greift das zu kurz. Er ist Pfarradministrator im Erzbistum München und Freising. Vor mehr als zehn Jahren schickte ihn sein indischer Orden nach Deutschland. "Ich bin Missionar und arbeite wie jeder andere Priester in Deutschland. Ich habe die gleichen Aufgaben und Verpflichtungen wie ein deutscher Priester", erklärt er. Als Missionar will er aber auch neue Impulse setzen und seine Glaubensfreude in eine andere Kultur bringen.

Ähnlich versteht auch Pater Astery Mushi im Erzbistum Köln seine Mission. Der Pater aus Tansania sieht sich nicht als Fremder in Deutschland, als Ordenspriester sei er überall zu Hause. "Meine Aufgabe ist die Übersetzung meines Glaubens in eine andere Kultur", sagt er. So wie europäische Missionare den Glauben in seiner Heimat inkulturiert hätten, möchte er nun für seinen Glauben in Deutschland begeistern.

Pater Astery Mushi
Bild: © privat

Pater Astery Mushi stammt aus Tansania. Seit elf Jahren lebt und arbeitet er in Deutschland. Seit Januar 2015 ist er Kaplan im Kirchengemeindeverband Bad Godesberg in Bonn.

Beide Priester mussten erst einmal viel über die deutsche Kultur lernen. Und das ist für die Kirche eine große Herausforderung. Eine entsprechende Vorbereitung und Begleitung lasse in vielen Diözesen zu wünschen übrig, sagt Missionswissenschaftler Vellguth. Als positives Beispiel stellt er das Erzbistum Köln heraus, wo ausländische Priester schon in ihrem Heimatland mit Kursen "sprachlich und kulturell" ordentlich auf ihre pastorale Tätigkeit in Deutschland vorbereitet würden.

Im Erzbistum München und Freising legt man, wie in Köln, Wert auf die Betreuung ausländischer Priester – vor und während ihres Aufenthalts in Deutschland. Nach Auswahlgesprächen werden sie im Münchener Erzbistum "ähnlich wie jeder Berufsanfänger in der Seelsorge" begleitet und unterstützt. Da ausländische Priester in der bayerischen Diözese fast immer einem Orden angehören, vertraut man nach dieser einjährigen Eingewöhnungsphase aber auch auf die ordensinterne Vernetzung der Kleriker. Auch wenn die sich "je nach Ordensgemeinschaft“ unterscheide, habe man damit gut Erfahrungen gemacht, berichtet Hinterberger.

Profunde Vor- und Ausbildung von Missionaren notwendig

Vellguth verweist darauf, dass die Notwendigkeit einer guten Vorbereitung bereits von den Konzilsvätern des Zweiten Vatikanums gesehen wurde. Sie betonten diese mit Blick auf eine profunde Vor- und Ausbildung von Missionaren in Sprache, Kultur und religiöser Praxis ihres Einsatzlandes im "Dekret über die Missionstätigkeit Ad Gentes". Vor diesem Hintergrund entstand 1971 etwa in Papua-Neuguinea das Melanesian Institut. Es wird noch heute von verschiedenen christlichen Kirchen getragen. Schon zwanzig Jahre zuvor (1951) entstand in Südafrika das Lumko-Pastoralinstitut, das nach dem Konzil ebenfalls die Umsetzung der Konzilsvorgaben zur Qualitätssicherung in der Mission vorantrieb. Die dort geleistete Sensibilisierung der Missionare für den Eigenwert der fremden Kultur, setze bis heute Maßstäbe, sagt Missionswissenschaftler Vellguth. "Spätestens nach den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils lernten die ankommenden Priester dort monatelang Sprache und Kultur kennen und wurden auf das Leben und die gesellschaftlichen Prozesse ihrer neuen Wirkungsstätte vorbereitet. Nur so konnten sie überhaupt ihren Dienst angemessen realisieren." Die Angebote des Instituts für Weltkirche und Mission in Frankfurt, das ausländische Priester in Deutschland begleitet, bezeichnet der Professor als ähnlich wegweisend. So wie dort sollten ausländische Seelsorger überall die Chance bekommen, Rollenerwartungen und Probleme zu reflektieren – damit dürfe man sie keinesfalls allein lassen.

Pater Astery lebt und arbeitet in Bonn. Vor elf Jahren kam er nach Deutschland. Der Ordensmann scheint sich gut in der deutschen Kultur zurechtzufinden. Vor ihm seien schon Mitbrüder seiner Ordensgemeinschaft in Deutschland gewesen, das habe ihm sein Ankommen sehr erleichtert, sagt er. Natürlich sei das Leben und die Pastoral in Europa anders, alles werde hier penibel geplant und sei weniger spontan – aber damit komme er gut klar. "Überhaupt lässt sich mit Planung und Struktur ja auch vieles erreichen", fügt er hinzu. Pater Mangaly in Bayern ist die deutsche Planungsliebe dagegen manchmal suspekt. In seiner Heimat Indien brauchen die Gläubigen nicht für alles einzelne Termin – etwa um eine Taufe groß vorzubesprechen. Vielleicht weil so bereits jeden Sonntag zweieinhalb Stunden Katechese stattfinde, mutmaßt er.

Pater Jis Mangaly
Bild: © Privat

Pater Jis Mangaly MCBS stammt aus dem Bundesstaat Kerala in Südindien. Seit 2010 ist er in verschiedenen Positionen im Erzbistum München und Freising eingesetzt.

Kulturelle Unterschiede haben viele Auswirkungen – etwa auf die Seelsorge und die Feier der Liturgie. Im Umgang mit Gläubigen in Deutschland kann das manchmal zu unangenehmen Missverständnissen und – im schlimmsten Fall – zu Verletzungen führen. "Ich wurde einmal gefragt, was ich denn da für eine 'Busch-Messe' feiere", sagt Mushi. Das habe ihm wehgetan. Denn auch wenn er seinen Glauben manchmal anders ausdrücke, bleibe es doch der katholische Glaube. Solche Vorfälle kommen aber immer seltener vor, sagt er und freut sich, dass der Gospel-Chor seiner Bonner Gemeinde ein voller Erfolg ist.

In aller Regel erfahren ausländische Priester Anerkennung und Wertschätzung, sagt auch das Erzbistum München und Freising. Dass die Realität einzelner Priester aber durchaus anders aussieht, weiß man in der bayerischen Diözese nur zu gut. Dort machten vor einigen Jahren rassistische Vorfälle in Zorneding (2016) Schlagzeilen. Ein Fall aus dem Bistum Speyer (2020) weist Ähnlichkeiten dazu auf – im Erzbistum Köln prangerte der Leiter der Berufungspastoral jüngst strukturellen Rassismus an.

"Viele fühlen sich dann einsam und deprimiert"

Für den Missionswissenschaftler Vellguth gibt es aber noch mehr Faktoren, die zur Verunsicherung ausländischer Priester und zur Konfusion auf allen Seiten führen können. So ist die Rolle der Kirche ganz anders als in den Ländern, aus denen zahlreiche der Priester stammen. So gebe es in ihren Heimatländern oft noch "einen ausgeprägten Klerikalismus, der hier nicht mehr so vorhanden ist", sagt Vellguth. Dieser Kulturschock stelle Priester und Gemeinden gleichermaßen vor Herausforderungen. "Die ausländischen Seelsorger müssen ohne das Ansehen des Klerikers und ohne die familiären Strukturen in der Pastoral auskommen. Viele fühlen sich deshalb einsam, manchmal auch deprimiert", berichtet Vellguth.

Eine Teilschuld sieht der Theologe bei den Orden, die Priester oftmals ohne entsprechende Ausbildung ins Ausland schicken. Mitunter sei eine Motivation, die finanzielle Situation des Ordens zu verbessern. Dies gehe allerding zu Lasten der Priester. "Sie sind Verlierer dieser Praxis." Nach kurzer Zeit fänden sich die Priester einsam in einem deutschen Pfarrhaus und selten "im Zentrum eines vibrierenden Gemeindelebens" wieder. Dem Verdacht der Ausbeutung widerspricht das Erzbistum München und Freising aber. Da sich Ordenspriester freiwillig dazu entschieden hätten, nach einer Ordensregel zu leben, spiele in ihrem Dienst auch der Gehorsam gegenüber ihren Ordensoberen eine zentrale Rolle. Vor allem Missionsorden lebten zudem eine Praxis weltweiter Tätigkeit und Einsetzbarkeit, beschreibt Ursula Hinterberger die Situation ausländischer Ordenspriester.

Missionswissenschaftler Klaus Vellguth
Bild: © Privat

Klaus Vellguth ist Professor für Missionswissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und Direktor des Instituts für Missionswissenschaft.

Bei alle Problemen, die Vellguth sieht, ist er aber davon überzeugt, dass die Kirche in Deutschland von ausländischen Priestern eine weltkirchliche Sensibilität entwickeln und lernen kann – etwa beim Synodalen Weg. Katholiken in Deutschland könnten durch Begegnungen die Vielfalt kennenlernen und verstehen, dass sie beim ihrem Reformprozess keine Lösungen für die ganze Kirche schaffen können. Zum Beispiel mit Blick auf die Zulassung zum Weiheamt. Ausländische Seelsorger könnten helfen, den Blick auf die Weltkirche zu richten – so werde die Pluralität der Kirche greifbar. "Wir müssen in Deutschland adäquate Strukturen für unsere Probleme finden, – partikularrechtliche Lösungen", fordert Vellguth. "Ausländische Priester machen nachdenklich, ob das, was wir für Deutschland zurecht einführen wollen, zum jetzigen Zeitpunkt für die ganze Welt richtig ist." Auch spirituelle Pluralität könne man so lernen.

Auf die Situation in seiner Heimat angesprochen, lässt Pater Astery zuerst die jüngere europäisch Geschichte Revue passieren. In Tansania entwickle sich die Gesellschaft ähnlich wie in Europa, erzählt er. Die Individualisierung nehme immer mehr zu, Familien hätten längst nicht mehr so viele Kinder wie früher. Darum sei es auch in seiner Heimat problematischer, wolle ein Kind Priester werden. Die Situation gleiche sich der europäischen an.

Priestermangel statistisch eher in Afrika als in Europa

Noch schlägt sich diese Entwicklung nicht in den kirchlichen Statistiken nieder: Die Zahl der Priester in Asien und Afrika steigt genauso wie die der Gläubigen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung müsste man dort dennoch eher von einem Priestermangel sprechen als in Europa, wo man ihn gerade so beklagt. Denn ein afrikanischer Seelsorger "versorgt" statistisch rund 5.088 Katholiken, während in Europa nur 1.672 Katholiken – also etwa ein Drittel – auf einen Priester kommen. Dass sich die Verhältnisse aber künftig ändern, glaubt Vellguth nicht: "Der demografische Wandel schreitet überall voran." Afrika und Asien glichen sich mitteleuropäischen Verhältnissen an. "In Kerala gibt es schon einen massiven Rückgang an Priester- und Ordensberufungen", sagt er. Das Gleiche lasse sich in einigen afrikanischen Ländern beobachten. Ein Modell der Zukunft sei es auch aus diesem Grund nicht "Priester aus anderen Ländern wie Legionäre einzufliegen".

Spricht man mit und über ausländische Priester, kommt die Rede schnell auf die Pluralität der Weltkirche. Auch wenn die Selbst- und Fremdwahrnehmung im Speziellen unterschiedlich sind, lässt sich festhalten: Mehr Pluralität tut der Kirche gut. "Es steht uns gut an, einladend auf Priester aus dem Ausland zuzugehen. Die Weltkirche bietet für alle Beteiligten viele Vorteile", meint Missionswissenschaftler Vellguth. Schließlich gingen auch deutsche Priester ins Ausland. Dabei dürfe aber nicht vergessen werden, dass jeder Kontext seine eigene Hermeneutik und Wahrheiten habe. Auch dürfe die Frage nach der Zulassung zum Amt und neuen Formen der Glaubensweitergabe und des christlichen Lebens keinesfalls durch eine Funktionalisierung von Menschen als "Gastarbeiter" kaschiert werden – das funktioniere sowieso nicht, warnt er.

Von Benedikt Heider