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Standpunkt

Corona stört auch unsere Beziehung zu Gott

"Unsere Beziehung zur Welt, zu uns selbst und zu den anderen wird fundamental durch Corona gestört", kommentiert Michael Böhnke. Das betreffe auch die Beziehung mit Gott. Doch am Widerstand gegen den sozialen Tod solle man arbeiten.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 30.04.2021

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"Dieses Virus macht deutlich, dass die Weltbeziehung dieser Gesellschaft gestört ist. Die Grundbeziehung zur Welt ist das Atmen. Und die fundamentalste Form der Weltbeziehungsstörung ist, wenn ich dem Atmen nicht mehr trauen kann, wenn ich nicht mehr unbesorgt ein- und ausatmen kann. Ich brauche jetzt einen Filter zwischen mir und der Welt. Das ist eine größtmögliche Verunsicherung, denn der Erdboden und die Luft sind das Fundamentalste, was wir kennen. Ich kann mir selbst nicht mehr trauen – vielleicht ist das Virus schon in meinem Körper. Und ich kann den anderen nicht mehr trauen – vielleicht stecken sie mich an." Bemerkenswerte Sätze des Soziologen Hartmut Rosa. Unsere Beziehung zur Welt, zu uns selbst und zu den anderen wird fundamental durch Corona gestört. Wir werden abgeschnitten vom direkten Kontakt zu den Ressourcen, aus denen wir leben. Uns fehlen die energetischen Impulse, die sich "aus zufälligen oder irritierenden Begegnungen [ergeben], die uns mit Energie aufladen … Ohne sie laufen wir emotional, psychosozial und sogar intellektuell in den immer gleichen Bahnen". Uns fehlen die intellektuell kreativen Interaktionen, aus denen Neues entsteht, so Rosa weiter.

Was bedeutet es für uns als Christen, wenn wir dem Atmen nicht mehr trauen können? Was, wenn die Impulse, die uns mit Energie aufladen und die wir als Christen mit dem lebensschaffenden Geist Gottes verbinden, fehlen? Unsere Beziehung zu Gott – sie ist durch die Pandemie wahrscheinlich ebenso gestört wie unsere Beziehung zur Welt, zu den anderen und uns selbst. Das Lob Gottes entfällt, wenn wir unserem Atmen nicht mehr trauen können.

Johannes berichtet von einer überraschenden und irritierenden Begegnung mit dem Auferstandenen: "Am Abend dieses ersten Tages der Woche … kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! … Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! … Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben." Der energetische Impuls dieser Begegnung liegt im Widerstand gegen den sozialen Tod. Daran sollten wir arbeiten.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.