Programm fördert sakrale Räume als Orte des Austauschs

Wie Kirchen auf dem Land eine Chance für die Zukunft bekommen können

Aktualisiert am 07.05.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Im Schnitt kommen in Deutschland auf eine Kirche 180 Kirchenmitglieder. Viele Bauten stehen also mehr oder weniger leer. Wie können sie eine Zukunft bekommen? Im katholisch.de-Interview erklärt Bildungswissenschaftlerin Ulrike Sommer die besondere Bedeutung von Kirchen für die Gesellschaft.

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Die Kirchenmitglieder werden weniger, vor allem auf dem Land stehen Kirchen leer – was nun? Der Bund hat das Förderprogramm "Kirchturmdenken. Sakralbauten in ländlichen Räumen: Ankerpunkte lokaler Entwicklung und Knotenpunkte überregionaler Vernetzung" aufgelegt, um Kirchen als Orte von Kultur und Öffentlichkeit zu fördern. Die Bildungswissenschaftlerin Ulrike Sommer ist Geschäftsführerin der Agentur "Widersense TraFo", die die Bundesmittel verteilt und das Programm mit aufgesetzt hat. Im Interview mit katholisch.de wirft sie einen Blick auf Kirchen als besonderen Teil von Orten und deren Geschichte.

Frage: Frau Sommer, "Kirchturmdenken" steht ja eigentlich eher für Borniertheit und hat keinen guten Ruf – weshalb heißt das Programm dann so?

Sommer: Weil wir das ganz gerne umkehren und das "Kirchturmdenken" positiv besetzen wollen. Wir möchten die Kirche wieder zum Mittelpunkt des Dorfes machen und Kirchen mit ihren Menschen untereinander vernetzen. In Deutschland gibt es geschätzt 25.000 Dorfkirchen, viele davon werden nicht oder nicht regelmäßig genutzt. Momentan kommt etwa auf 180 Kirchenmitglieder ein Kirchengebäude – da gibt es eine Nutzungsfrage zu lösen.

Wir möchten darauf hinwirken, dass die Kirchbauten als Kulturdenkmale mit der Einbettung in die jeweilige lokale oder regionale Geschichte, aber auch als mögliche Orte der kulturellen Teilhabe sowie bürgerschaftlicher Begegnung stärker zugänglich gemacht und etabliert werden.

Frage: Was fördern Sie genau?

Sommer: Es geht nicht um Baumaßnahmen, sondern das Ziel ist, die Sakralbauten für Kulturangebote, Kulturvermittlung und kulturelle Bildung zugänglich zu machen und gleichzeitig ihren baukulturellen Hintergrund zu erforschen und diesen dann zu vermitteln. Das heißt, dass die Baugeschichte und die Ausstattung erfasst wird. Außerdem soll es um die Rolle des Gebäudes in der Geschichte des Dorfes und der Region gehen. Das soll nicht nur erforscht, sondern auch zugänglich gemacht werden, also in Form von Flyern, einer Präsentation, eines Videos oder von Führungen zum Beispiel.

Frage: Was für weitere Kulturangebote halten Sie für Kirchen für sinnvoll?

Sommer: Das müssen natürlich Angebote sein, die dem kirchlichen Raum angemessen sind, außerdem wäre ein Bezug zum Ort schön. Oft sind Kirchen besondere Klangräume, Musik bietet sich also als Nutzung an. Es kann aber auch um kulturelle Bildung gehen, wenn etwa Schulen, Kindertagesstätten oder Volkshochschulen die Kirche als Gebäude für kulturelle Bildungsprojekte oder für die Präsentation von Kultur nutzen, also zum Beispiel als Ausstellungsraum.

Frage: Welche Funktionen haben Kirchen über ihre religiöse hinaus?

Sommer: Sie sind immer Mittelpunkte des jeweiligen Ortes gewesen. Unser Ziel ist es, sie wieder in diese Mittelpunktstellung zurückzuholen, indem sie bürgerschaftliche Teilhabe und Austausch ermöglichen. Man spricht ja immer gerne von "Dritten Orten", also Orten, die weder das Zuhause noch die Arbeit sind, aber an denen sich Bürgerinnen und Bürger begegnen und über die Zukunft ihres Ortes debattieren können. Da hat die Kirche eine wichtige Funktion und wird oft unterschätzt, sie muss sich allerdings auch über ihre eigene Kirchengemeinde hinaus öffnen. Zudem liegt uns am Herzen, aus Kirchen integrative Orte zu machen, an denen sich Jüngere und Ältere begegnen sowie Menschen, die einen anderen kulturellen oder religiösen Hintergrund haben.

Bild: ©Widersense TraFo

Ulrike Somme ist die Geschäftsführerin von Widersense TraFo

Frage: Welche Rolle spielen da Workshops, die Teil des Programms sind?

Sommer: Schon bei der Konzeption des Programms haben wir mit dem Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund zusammengearbeitet. Dort wird schon seit langem zur kunsthistorischen Sachforschung von Kirchen und ihrer Ausstattung gearbeitet, aber auch Formate zur Forschung und deren Vermittlung an die Gesellschaft wurden dort entwickelt. Die Menschen vor Ort sollen Kirchen als Teil ihrer Geschichte kennenlernen und annehmen. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich, selbst in Großstädten ist vor allem jüngeren Menschen der Wert von Kirchen nicht mehr bewusst. Deshalb möchten wir auch über die Bewilligung der Fördergelder hinaus digitale Halbtagesworkshops anbieten, in denen es zum einen um eine baukulturelle Erforschung und Beschreibung der Bauten geht und zum anderen um den Erzählkosmos, in den diese Kirchen eingebunden sind: Gab es dort Pilgerwege, welche Patrozinien hatte die Kirche, welche Klangräume, welche Denkmalwerte gibt es dort? Zum anderen geht es um die gesellschaftliche Teilhabe an dem Ort. Die Ausrichtung der Workshops wird sich auch am Bedarf der Aktiven vor Ort orientieren. Da kommen dann sicherlich noch weitere Themen dazu.

Frage: Warum gerade der ländliche Raum?

Sommer: 69 Prozent der Menschen in Deutschland leben in ländlichen Räumen, gleichzeitig sind das oft zunehmend strukturärmere Räume. Es wird nach Möglichkeiten gesucht, die Strukturen dort zu stärken und die Teilhabe sowie Identifikation der Menschen mit diesem Räumen zu intensivieren. Da kann man Kirchen als Orte des bürgerschaftlichen Engagements etablieren. Daher wird das Projekt von der Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung gefördert, die Mittel stammen aus dem Programm "Ländliche Entwicklung" des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Frage: Das sind ja jetzt nur Projektgelder – wie kann das nachhaltig sein?

Sommer: Es ist nur ein kurzes Förderprogramm – es läuft nur bis Ende des Jahres – und das kann man auch kritisch sehen. Deswegen sind uns die Workshops wichtig, um Entwicklungen anzustoßen, die dann auch fortgeführt werden können. Die TU Dortmund wird auch nach Ende des Programms in diesem Bereich weiterarbeiten. Zudem: Wenn man erstmal angefangen hat, sich mit professioneller Unterstützung mit der eigenen Kirche vor Ort zu beschäftigen, ist es einfacher, in der Vernetzung mit anderen und im Austausch mit Förderinstitutionen solche Dinge fortzuführen. Es braucht da einen Anfangsimpuls.

Frage: Wie ist die Rücklaufquote?

Sommer: Wir haben schon erste Anträge und es gab schon knapp 20 Anfragen nach Beratung, wo Gemeinden oder Vereine schon Konzepte im Kopf haben, die sie fördern lassen wollen. Zudem haben sich viele Multiplikatoren gemeldet, die das Projekt weiter verbreiten wollen.

Von Christoph Paul Hartmann