Hans Zollner ist Leiter des Kinderschutzzentrums an der päpstlichen Universität Gregoriana.
Studie zu Missbrauch im Sport unveröffentlicht

Kinderschutzexperte Zollner: Viele tun weniger als die Kirche

Bei Missbrauchsfällen steht oft nur die katholische Kirche im Fokus. Der Kinderschützer und Jesuit Hans Zoller betont aber: In anderen Organisationen gebe es die gleichen Prozesse wie in der Kirche – und verweist auf eine unveröffentlichte Studie.

Rom - 02.05.2021

Im Kampf gegen Missbrauch hinken nach Aussage des Kinderschutzexperten Hans Zollner viele Institutionen der Kirche hinterher. Zwar gebe es "weltweit keine andere Institution, die sich mit diesem Thema notwendigerweise so auseinandersetzen musste", wie die katholische Kirche; aber andernorts tauche das Thema nur ab und zu auf, so Zollner im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Sonntag.

"Ob Oxfam oder UN-Blauhelme – es sind augenscheinlich eins zu eins dieselben Prozesse wie in der Kirche: Die Oberen schauen weg, vertuschen, versetzen Leute, nur damit vermeintlich nichts auf die Institution zurückfällt", sagte der Leiter des Internationalen Kinderschutzzentrums an der Gregoriana-Universität in Rom. Bei den Boy Scouts in USA überträfen die Fallzahlen von Missbrauch und die Höhe der Forderungen jene der katholischen Kirche bei weitem.

Im Innenministerium in Berlin gebe es eine Studie zu Missbrauch im Sport. Dies werde aber nicht veröffentlicht, wohl weil man befürchtet, dass Eltern ihre Kinder dann nicht mehr in Sportvereine schickten. Sollten diese in derselben Weise polizeiliche Führungszeugnisse für Kinder- und Jugendtrainer verlangen wie die Kirche, sei vermutlich bald kaum noch jemand bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Fortschritte bei Prävention

In Sachen Prävention habe die katholische Kirche große Fortschritte gemacht; dies bestätigten auch staatliche Stellen, so Zollner. Was aber die Aufarbeitung angeht, tue die Kirche nach wie vor längst nicht genug. Entwicklungen in den vergangenen fünf Jahren hätten deutlich gezeigt: Es geht nicht nur um juristische, sondern auch um "moralische, spirituelle und strukturelle Implikationen".

In der Hinsicht fahre leider die evangelische Kirche in Deutschland immer noch im Windschatten der katholischen. "Dann kamen die Auseinandersetzungen über Köln und Hamburg, und nun ist die evangelische Kirche quasi wieder abgetaucht", so Zollner; für Opfer in den protestantischen Kirchen sei das "schwer erträglich".

Erst gestern hatte eine Angehörige des Betroffenenbeirats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katharina Kracht, ihre Kritik an der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in evangelischen Landeskirchen erneuert. Die evangelische Kirche müsse "aufhören, immer nur mit dem Finger auf die Katholiken zu zeigen". Die katholische Kirche stehe zu Recht in der Kritik. "Und die evangelische Kirche steht zu Unrecht nicht in der Kritik." Bei der Aufarbeitung liege sie weit zurück. (cph/KNA)